3 Filme beim 29. Filmkunstfest MV

Der Autor hat Filme auf dem Filmkunstfest in Schwerin gesichtet. Drei Empfehlungen für’s Wochenende: Kahlschlag, Lievealleen und Per im Glück

In dieser Woche steht in Schwerin alles unter dem Zeichen des Films. Cineasten und Filme aus Mecklenburg-Vorpommern, dem Baltikum, der Bundesrepublik, Frankreich und dem Gastland Irland strömen ins Capitol. Deswegen hier drei Empfehlungen von Filmen, die an diesem Wochenende noch auf dem 29. Filmkunstfest MV laufen.

Der Brutale

3. Kahlschlag – Ein Psychothriller von Max Gleschinski

Ich wäre sehr dankbar, wenn es auch beim Filmkunstfest schon eine Altersempfehlung gäbe. Der Film ‚Kahlschlag‘ verdient in jeder Hinsicht ein FSK 16.

‚Was machst du, wenn dir jemand so weh tut?‘

Diese Frage schwebt wie ein Damoklesschwert über dem Film. Immanent, unausweichlich, ausweglos.

Die Freundschaft von Eric und Martin ist vor Jahren an der Liebe zu einer Frau zerbrochen. Sie treffen sich ein letztes Mal an ihrer traditionellen Angelstelle. Nach wenig Ausgesprochenem und viel Unausgesprochenem kommt es zum gewalttätigen Showdown.

Nichts für zarte Gemüter. Hier ein Interview mit dem Regisseur zum Film.

Psychisch bedrückend mit drohenden Kachon und emotional plätscherndem Marimaphon führt der Film in eine wabernde unsichere drohende Stimmung.

Am Samstag, den 04. Mai läuft er noch einmal um 21:45.

Der Stärkende

2. Lievalleen eine Dokumentation von Autor Peter Wawerzinek und Regisseur Steffen Sebastian

Nach der Flucht der Eltern aus der DDR nach Westdeutschland wird Peter Wawerzinek adoptiert, seine Schwester Beate kommt unbegründet in die Psychiatrie. Sie machen sich auf die Suche nach den Eltern.

Der Film erzählt eindringlich von der Auseinandersetzung der beiden Protagonisten mit dem ‚Zurückgelassen werden‘ von den Eltern.

Dramaturgisch dauert es eine ganze Weile bis der Zuschauer bemerkt: Es geht weniger um die abwesende Mutter und deren Beweggründe ihre Kinder zurückzulassen, als vielmehr um das, was die Kinder – Heimkinder generell – daraus machen.

‚Dann lieber allein‘ ist die ernüchternde, aber auch auf eine gewisse Art und Weise ermutigende Reminiszenz des Films.

Beate und Peters herzliche Heimmutter avancieren dabei zu den heimlichen Stars des Films. Auf ihre Weise zwei sehr starke Frauen. Die eine, die ihr Leben trotz aller Schwierigkeiten und Entbehrungen in der Psychiatrie leben konnte, die Bitterkeit darin sehen kann, sich darüber aber nicht aufgibt; die andere mit dem Herz am rechen Fleck, die in der elternlosen Zeit Generationen von Kindern vor der sozialen und emotionalen Verwahrlosung bewahrt.

Zweite und letzte Vorstellung ist am Samstag, den 04. Mai um 11:15.

Der Epische

1. Per im Glück (Lykke-Per) von Regisseur Bille August nach dem Roman von Henrik Pontoppidan

Viele kennen den Regisseur Bille August von dem oscargekrönten Film ‚Pelle, der Eroberer‘. Mit der Literaturverfilmung ‚Per im Glück‘ gelingt dem Dänen eine weitere filmische Glanzleistung.

Dem streng protestantischen Elternhaus entwachsenen Per gelingt der Schritt an die Universität in Kopenhagen. Mit großen technischen Plänen möchte er auf sich aufmerksam machen. Doch sein visionäres Energieversorgungsprojekt spielt nur eine Nebenrolle im eigentlichen Thema des Films: Seiner eigenen persönlichen seelischen, sozialen und geistigen Entwicklung. Immer wieder scheitert Per an Erwartungshaltungen an sich selbst, des Glaubens und der der Gesellschaft.

Erst Jakobe, eine Jüdin aus reichem Haus, ist und wird Per ein gleichberechtigtes erwachsenes Gegenüber. In ihm kann sie sich spiegeln, dadurch sich selbst kennenlernen und erfahren. Pers Suche dauert – Jahrzehnte. Er strauchelt, wird zur persona non grata.

Sich selbst zu akzeptieren als was man ist, nicht in Hybris zu verfallen, selbstlose Liebe für sich und andere zu empfinden, demütig zu sein. Diese großen Themen stecken in dem großen Entwicklungsroman der dänischen Literaturgeschichte.

Die Schauspieler, die Kulisse von Kopenhagen und Jütland fangen diese Stimmung perfekt ein. Ein dreistündige Gefühls- und Gesellschaftsreise in die Zeit um 1900. Beeindruckend.

Am Sonntag, den 05. Mai um 16:30 läuft er noch einmal auf dem Filmkunstfestival.

[Gesamt:2    Durchschnitt: 3.5/5]

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