3 Gründe für Schwerin auf der UNESCO-Welterbebeliste und 3 Gründe dagegen

Soll Schwerins Residenzensemble auf die Welterbeliste? Ja oder Nein?

Der See hat mich mit seinen Fragen nachdenklich gemacht. Klar, ein Blesshuhn kann nicht zum Weltkulturerbe erkärt werden, ich ebensowenig. Und das Residenzensmble? Nun, warum nicht?

Im Jahr 2007 beschloss der Landtag, sich mit Schwerin – konkreter dem ‚Residenzensemble Schwerin‘ – für den Welterbetitel zu bewerben. Unterstützer und Geldgeber sind der Landtag Mecklenburg-Vorpommern, das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, die Stadt Schwerin und der sich mit diesem Ziel gegründete Förderverein ‚Welterbe Schwerin‘.

Es bleiben Fragen in meinem Kopf zurück:

Warum gerade Schwerin?

Ist das nicht viel zu teuer?

Was bringt die Bewerbung für den Welterbetitel?

Deswegen hier der ultimative Anfängerguide, für alle die mitreden wollen bei der großen Frage: Sollte Schwerin auf die Liste der UNESCO-Welterbeliste? Drei Argumente für und drei Argumente gegen die Bewerbungsbemühungen von Stadt und Land.

Schwerin? Welterbe? Lass‘ mal.

1. Die Welterbeliste ist voll

Bereits heute gibt es ein starkes Übergewicht an Welterbestätten in Europa und Nordamerika. Fast die Hälfte der insgesamt 1092 Natur- und Kulturdenkmäler sind dort zu finden.

Sollten nicht eher andere Länder mit weniger Ressourcen dabei unterstützt werden, ihre Stätten auf der UNESCO-Welterbeliste wiederzufinden?

Der Jahresetat des UNESCO-Welterbeprogramms beläuft sich auf fünf Millionen Euro. Bereits 80% dieser Summe sind mit den Bewerbungen und Überprüfungen der potentiell neuen Stätten verplant. Für die wichtige Aufgabe des Erhalts der Kulturdenkmäler bleibt der UNESCO daher schon heute kaum Geld übrig.

Lesenwert hierzu die Aktivitäten und Bemühungen des Vereins World Heritage Watch in Berlin.

2. Die Bewerbung ist einseitig

Die Geschichte der Schweriner Bewerbung seit 2007 und deren Anpassung in Richtung ‚Kulturlandschaft‘ zeugt von mangelnder Kreativität was die Entwicklung der Stadt und ihres historischen Kerns angeht.

Im Interview mit logschwer.de sagte die Schauspielerin Susanne Rösch ganz passend auf die Frage, warum Schwerin für Sie nicht die schönste Stadt Deutschlands sei: ‚Ich mag es gern etwas kantiger.‘ Schwerin ist nicht Göttingen, Gott sei Dank, und eine Bewerbung für die UNESCO-Welterbeliste hat nichts kantiges an sich.

Dennoch: Vielen politischen Beteiligten scheint es schlicht um einen Aufstieg auf bereits fahrende Züge einer bestehenden einseitigen touristischen Entwicklung zu gehen. Das ist per se nicht schlecht, entbehrt aber zukunftsweisenden Überlegungen zur kulturellen und auch touristischen Entwicklung der Landeshauptstadt.

3. Die Bewerbung bindet Millionen

Die Bewerbung kostet. Millionen, über Jahre. Der ehemalige Kultus- und amtierende Finanzminister Mathias Brodkorb sagte dazu ganz treffend, die Bewerbung des Residenzensembles werde ’schwer und hart‘. Der Erfolg ist dabei mehr als ungewiss.

Ganz banal und inhaltlich unkorrekt: Es gibt bereits hunderte von Schlössern auf der Welterbeliste. Das Schweriner Schloss selbst – so schön und einzigartig es auch sein mag – bleibt eines von vielen.

Die UNESCO-Welterbebewerbung bindet finanzielle Mittel und politische Kräfte über Jahrzehnte hinweg an eine einzige Stoßrichtung.

Schwerin? Welterbe? Aber sicher.

1. Das UNESCO-Label füllt Straßen und Kassen

Schwerin kann Touristen verkraften, Schwerin kann die gut gefüllten Promenaden verkraften und Schwerin kann auch Horden von Selfiesticks verkraften, ohne seinen Kern und seine Identität zu verlieren.

Einzelhandel, Gastronomie und Hotelerie profitieren.

2. Schweriner sind sensibel für ihre Stadt

Schwerin hat kein Windrad- oder Brückenproblem, welches mit Blick auf die UNESCO zu Komplikationen führen könnte.

Kein Mensch will am Schloss einen Windpark bauen oder eine Brücke von Zippendorf zum Kaninchenwerder führen.

Der Schlossanleger oder Bauprojekte wie die Waisengärten sorgen bereits ohne die UNESCO-Bewerbung für genügend erhitzte Gemüter. Sicheres Zeichen dafür, dass die Schweriner über einen hohen Grad an Sensibilität für ihre örtliche Kulturlandschaft verfügen – und zwar ganz unabhängig davon, welcher Meinungsseite sie angehören.

3. Schwerins Residenzensemble ist schon heute ein bedeutendes Welterbe

Die UNESCO-Kriterien Einzigartigkeit, historische Echtheit, Unversehrtheit und Integrität erfüllt das Residenzensemble par excellence. Und das nicht erst seit der Bewerbung, sondern politisch gewollt und millionenschwer unterstützt seit Jahrzehnten.

Bei der Vermarktung durch internationale Touroperatoren – Stichwort Bus- und Europatourismus – ist das Label ‚UNESCO-Welterbe‘ hilfreich. Das bestätigen mehrere nationale und internationale Tourismus- und Wirtschaftsverbände.

Der zu erstellende ‚Managementplan für Welterbestätten‘ für die zukünftige Entwicklung ist in dem gestecktem Rahmen für die Politik stetiger Antrieb und Erinnerung. Ein Gewinn.

Soweit die drei Pros und Contras der Bewerbung Schwerins um den Welterbetitel. Mir ist klar, die Liste ist nicht vollständig. Mir ist ebenso klar, die Argumente sind nicht gleichwertig, hebeln sich teilweise gegenseitig aus oder doppeln sich.

Der Artikel will dabei nicht polarisieren. Ich bin dankbar für Ergänzungen und Fragen zum Thema.

Und eines ist Schwerin mit oder ohne den begehrten UNESCO-Titel: Die schönste Stadt Deutschlands!

[Gesamt:1    Durchschnitt: 4/5]

Schreibe einen Kommentar