Bertha legt los

Die Blumenfrau Bertha Klingberg kommt auf neue Ideen.

Es ist Montag und noch sehr früh. Konnte nicht richtig schlafen und mache deswegen einen Morgenspaziergang. Nebel liegt über dem Burgsee und ich laufe die Graf-Schack-Allee Richtung Klingberg-Platz.

Ein paar Passanten müssen Bertha mit frischen Tulpen ausgestattet haben; außerdem haben Kinder sich ihr zu Füßen mit Namen und Herzen in Straßenkreide verewigt. Rote Konfettiherzen liegen um sie herum im Gras und auf dem Gehweg.

Bertha: Da bist du ja wieder.

Ich: Siehst hübsch aus heute. So mit der ganzen Dekoration um dich herum.

Bertha: Danke mein Junge, war viel los am Wochenende. Sonne hat geschienen. Und Kinder waren da, ich sage dir. Eine ganze Rasselbande. Haben Geburtstag gefeiert bei mir – mit Konfettibombe und allem drum und dran.

Ich: Freut mich. Da war ja was los bei dir.

Bertha: Ja, war gemütlich.

Das Buch

Ich: Und, sonst so?

Bertha: Habe das Buch gelesen.

Ich: Welches?

Bertha: ‚Die Farbe Lila‘, wo du letztens von erzählt hast.

Ich: Du… hast gelesen?

Die Sonne blitzt kurz durch den Morgennebel. Mir wird ein bisschen unheimlich zu mute.

Bertha: Ja. Jede Seite.

Ich: Aber Bertha… ich meine, du bist… ähm…

Bertha: Tod?

Ich: Ähm, nun. Genaugenommen… ja.

Bertha: Warum rede ich dann mit dir?

Ich: Also… da gibt’s jetzt verschiedene Möglichkeiten.

Bertha: Du meinst… du bildest dir das alles nur ein? Keine Angst, mein Junge, ich bin echt.

Ich verblüfft: Aha.

Bertha: Jedenfalls fand ich’s gut, das Buch.

Ich: Aha.

Bertha: Nur ’n bisschen düster. Ich meine, warum packt diese Celie nicht ihre sieben Sachen und geht?

Ich wieder meine Fassung gewinnend: Aber Bertha, du kannst kein Buch lesen. Du hast hier doch nichts. Kein Buch, kein Geld, sitzt nur…

Bertha amüsiert frech: Junge, reg‘ dich nicht auf, ich hab‘ da meine Quellen.

Ich: Aha.

Ohnmacht

Muss mich erst einmal hinsetzen und starre auf den sich leicht kräuselnden Burgsee. Ich habe das Gefühl der See lacht mich aus. Nicht gut.

Bertha: Du schreibst das hier doch auch alles auf, oder?

Ich resigniert: Ja, für das Blog, das Schwerinlogbuch.

Bertha: Das will ich auch lesen. Wie heißt das Buch?

Ich: Das ist kein Buch. Dieses Blog ist so eine Art Internetchronik für Schwerin. Ist also auch nur digital lesbar. Diese kleinen Geräte, mit denen dich die vielen Leute fotografieren, weißt du? Mit denen kann man auch lesen.

Bertha: Is‘ nich‘ wahr.

Ich wieder leichte Hoffnung schöpfend: Doch, das ist nichts für eine alte Frau wie dich.

Bertha plötzlich wütend: Sag‘ nicht alte Frau zu mir, Jungchen!

Ich einlenkend: Tut mir Leid, Bertha.

Bertha eingeschnappt: Im Herzen bin ich noch immer jünger als jeder von denen der hier so vorbeikommt.

Ich: Ich weiß, Bertha.

Bertha legt los

Bertha: Also, wo kriege ich so’n Apparat her?

Ich: Die heißen Smartphone, Bertha.

Bertha: Also kann man die im Laden kaufen.

Ich: Ja, in Handyläden, im Schlossparkcenter oder der Marienplatzgalerie oder in der Mecklenburgstraße. Gebraucht im ‚Handyland‘ am Platz der Freiheit oder in der Wittenburgerstraße gibt’s sie auch. Aber ganz ehrlich, Bertha, ich kauf‘ dir kein Handy.

Bertha: Musst du ja auch nicht.

Ich mehr mit mir redend: Das geht hier in ’ne völlig falsche Richtung.

Plötzlich erhebt die Blumenfrau sich. Ächzend zunächst, streckt sich dann und geht mit sicherem Schritt die Graf-Schack-Allee runter Richtung Schloss.

Ich verzweifelt rufend: Bertha, das kannst du nicht machen… Die Leute erwarten, dass du hier sitzt.

Bertha im Gehen: Ach‘ beruhig‘ dich, Junge. Is‘ noch früh, ich mach‘ das dauernd. Da merkt keiner was. Bis bald. Logschwer heißt das Blog, richtig?

Ich: Ja, Bertha.

Dann verschwindet Bertha im Morgennebel und ich bleibe allein zurück. Na, wenn das mal gut geht.

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4 Kommentare

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Manchmal, wenn ich mit dem Fahrrad im Morgengrauen an Bertha vorbeifuhr, hatte ich ein paar Mal das Gefühl, dass Bertha weg war. Ich hab das immer auf meinen Tunnelblick am frühen Morgen geschoben. Aber jetzt weiß ich: Bertha geht Smartphones kaufen! Unglaublich

Ach, jetzt wird es aber spannend. Niklot steigt vom Pferd und Bertha von der Bank. Ob sie sich treffen und gemeinsame Abenteuer erleben?
DiKey

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