Bertha weint

Die Blumenfrau von Schwerin erlebt eine herbe Niederlage in der digitalen Welt.

Es ist Montag früh und ich gehe meine übliche Runde im Schlossgarten. Schon von Weitem sehe ich, dass Bertha gebückter sitzt als üblich. Sicher ihre neue Smartphonehaltung, denke ich. Aber als ich nur noch einige Schritte entfernt bin, höre ich Schluchzen. Bertha Klingberg, die Blumenfrau von Schwerin, weint.

Ich: Bertha?

Bertha hebt den Blick, schaut mich aus verquollenen Augen an. Sie weist mit ihrer rechten Hand auf den Platz neben sich.

Bertha: Setz‘ dich zu mir, mein Junge.

Ich: Aber was ist denn los? Du siehst ja ganz mitgenommen aus.

Bertha: Ach, das wird schon wieder. Man ist eben nicht mehr von dieser Zeit.

Energisch schnäuzt sie sich in ihre Schürze.

Ich: Warum bist du nicht mehr von dieser Zeit? Ist dein Handy kaputt?

Die wollen mich halt nicht

Bertha leicht abweisend: Aber nein.

Sie schaut schwermütig zum Schloss. Eine dicke Träne kullert über ihre linke Wange. So habe ich die Blumenfrau noch nie erlebt.

Ich: Aber Bertha, wenn ich dir helfen soll, dann musst du mit mir reden.

Bertha unvermittelt: Die wollten mich halt nicht. Bin eben doch zu alt.

Ich: Wer, wer wollte dich nicht? Haben sich ein paar Jugendliche schlecht benommen am Wochenende? Irgendwelchen Unfug hier bei dir getrieben? Glasflaschen zerdeppert oder so was?

Bertha schnieft: Aber nein. Die sind immer nett. Setzen sich sogar zu mir manchmal. – Nein, nein.

Sie hält kurz inne und schaut mich fragend an.

Bertha: Aber du wirst nicht böse, wenn ich’s dir sage, oder?

Ich: Bertha, warum sollte ich böse mir dir werden? Niemand kann ernsthaft böse mit dir sein. Du hast dieser Stadt so viel gegeben.

Bertha: Ja, ja, jetzt lass‘ mal gut sein, Junge.

Wir schweigen einen Moment. Ich spüre, dass Bertha dieses Gespräch nicht leicht fällt.

Bertha: Also… ich hab‘ ja ein Smartphone, mein Junge, das weißt du.

Ich: Ja, im Handyland gekauft, das weiß ich. Auch wenn ich davon nicht so begeistert war… am Anfang.

Facebook

Bertha: Ja, und ich hab‘ dein Blog gelesen – die Schwerinchronik – und das war ja auch sehr schön. Aber da gibt’s auch diese Druckknöpfe unter den Artikeln. Und darüber bin ich dann auf… also auf…

Ich glaube, mit Druckknöpfe meint Bertha die Socialmedia-Buttons. Mir schwante nichts Gutes.

Bertha: Ja, jedenfalls bin ich da auf diesen Fatzebock gekommen. Und das fand ich schön, da hab‘ ich mich angemeldet und mir schöne Bilder von Schwerin angeschaut und… und…

Ich: Fatzebock? Du meinst Facebook, oder?

Bertha beginnt wieder zu schluchzen.

Bertha: Ja… und jetzt haben sie mich rausgeschmissen. Einfach so. Gestern Abend. Ich wäre keine echte Person.

Bertha verschlägt es die Sprache. Zwischen Heulen und Schniefen verstehe ich nur noch Wortfetzen.

Bertha: Dabei wollte ich doch… Ich wollte doch… nichts böses. Ich bin doch… doch… auch nur ein Mensch. Auch wenn ich… wenn… ich alt bin. Und wer sagt, dass ich nicht… nicht echt bin?

Sie weint bitterlich. Ich lege zögernd meinen Arm um sie, versuche ein wenig zu trösten.

Bertha schnäuzt sich nochmals ausgiebig: Ich bin doch auch ein Mensch, nicht wahr?

Ich ratlos: Ja, sicher.

Ist Bertha echt?

Es vergehen ein paar Minuten, während wir unseren Gedanken nachgehen und Bertha noch in der Stille weitere Tränen vergießt. Es bricht mir fast das Herz, aber wie soll ich ihr da erklären? Ich meine, Bertha Klingberg, die Ehrenbürgerin der Stadt Schwerin, sie ist, nun, sie ist nun mal tot. Da gibt es nichts drumherum zu reden. Da hat Facebook dann wohl recht, wenn sie ihren Account sperrt. Aber wenn sie nun so neben mir sitzt, dieses Häufchen Elend, was sagt man da?

Vergessen, meine Ängste, was Bertha für einen Unfug im Internet anstellen könnte, vergessen, was für ein Blödsinn das alles ist; dass ich vor zwei Wochen schon begann, an meinem eigenen Verstand zu zweifeln. Auf einmal zählt nur noch diese nette alte Dame, die neben mir weint und verzweifelt ist.

Ich: Ich… ich meine, ich könnte versuchen, dir zu helfen.

Bertha schaut auf: Helfen?

Unbeholfen nehme ich wieder meinen Arm von ihrer Schulter, froh, dass das Ärgste vorüber zu sein scheint.

Ich: Ja, zugegeben, ich kenne mich nicht gut mit solchen Plattformen aus. Aber vielleicht könnten wir zusammen noch mal deinen Account von neuem anlegen und ich versuche vorher herauszukriegen, wie wir dich… also, wie wir es hinbekommen, dass du nicht gesperrt wirst.

Bertha: Oh, Junge, das wäre wunderbar, wenn du das für mich machen würdest. Ich meine, ich bin nicht abhängig oder so. Aber bei dem Fatzebock haben sie so schöne Bilder von Schwerin und Gartengruppen und all solche Sachen.

Ich: Muss mich aber erst einmal belesen. Könnte schwieriger werden. Vielleicht muss ich auch andere Leute um Rat fragen.

Bertha: Ach, das wäre sehr schön.

Sie blickt mit ihren verquollenen Augen zum Himmel und atmet tief und schnell durch die Nase ein.

Bertha: Ich wusste, dass du ein Guter bist.

Sie nimmt meine Hand in die ihre und drückt sie fest. Ich spüre ihre Schwielen warm an meiner Haut.

Ich: Mach‘ ich doch gerne, Bertha. Aber ich kann nichts versprechen.

Bertha: Nein nein, das muss ja auch nicht sein.

Ich stehe auf.

Ich: Ich komme am Wochenende wieder vorbei. Versprochen. Bis dahin weiß ich mehr. Mach’s gut.

Bertha: Ja, mein Junge, mach’s gut.

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