‚Die Sommerfrische‘ oder ‚Die missglückte Abwesenheitsnotiz‘

Der Autor geht in die Sommerfrische. Der See und Niklot haben ihre eigene Meinung über ein angemessenes ‚Auf Wiedersehen‘.

Ein letzter Spaziergang auf der Marstallhalbinsel, bevor ich wieder für ein paar Wochen unterwegs vin. Berthas Worte klingen noch in meinen Ohren nach, ich könne meine LeserInnen nicht so lange hängen lassen. Ich lehne an meinem Lieblingsbaum auf der kleinen Landzunge, die in den Innensee hineinragt. Trotz starker Bewölkung, genieße ich die Weite, die leichten Wellen des Sees und den Horizont.

Eine Abwesenheitsnotiz also:

Leute, ich gehe in die Sommerfrische.

Ihr Daheim bleibenden, genießt Schwerin, die schönste Stadt Deutschlands.

Feriengänger, reist aus unserer schönen Heimat in die Welt hinaus, seht sie, nehmt sie in euch auf und bringt das Schöne, Gute, Erhebende mit zurück in unsere Stadt. Erzählt von der schönsten Stadt Deutschlands, auf das wir uns nach der Sommerpause im Ranking um die Spitzenposition wieder ein paar Plätze weiter Vorne befinden.

Erzählt von Niklot, Bertha und dem See. Nicht vom Blog, sondern von den echten. Von den Standbildern, von ihrer Geschichte, von der Größe und der Macht des Sees und…

Der See

See: Kleiner Zweibeiner, jetzt aber mal mit der Ruhe.

Ich: See, misch‘ dich nicht ein. Ich muss gerade Abschied nehmen. Zumindest für ein paar Wochen.

See: Das ist zu pathetisch, das liest keiner, kleiner Zweibeiner. ‚Von der Größe und der Macht des Sees‘? Ich bitte dich. Deine Wortgewalt geht mit dir durch.

Ich: Aber…

Dann halt Tschüss

See leicht verärgert und eine einzelne Welle gerade hoch genug über die Ufer treten lassend, sodass ich bis zu den Lenden nass werde: Kein Aber, Zweibeiner. Es ist gut so. Sag‘ einfach ‚Tschüss‘, die Menschen verstehen das besser.

Ich klappe aufmüpfig mein Notizbuch zu, stehe auf und wende mich zu gehen: Dann halt Tschüss!

See: Keine Angst, kleiner Zweibeiner. Die Welt mag dich trotzdem. Und bis die Tage.

Von meinen Hosenbeinen tropft das Wasser. Ich muss aussehen wie jemand, der mit Kleidern baden gehen wollte und es sich dann kurzfristig doch anders überlegt hat.

See: Und schreib‘ den Zweibeinern, dass mein kleiner Bruder, der Concordia-See in Sachsen-Anhalt, wieder geöffnet hat. Hat die Elefantenherde wieder ein neues Wasserloch.

Ich nicke nur, stapfe mit triefenden Schuhen weg von der Marstallhalbinsel und setze mich auf das breite Steingeländer der Schlossbrücke.

Wieder öffne ich mein Notizbuch. Ein paar Tropfen Seewasser haben Teile der Schrift fleckig gemacht. Ich seufze und schreibe weiter:

Also, ihr Leute, dann wohl ‚Tschüss‘. Mitte August melde ich mich wieder. Vielleicht schreibe ich ein oder zwei Buchempfehlungsartikel in der Zeit, aber nichts über Schwerin. Das geht nicht, wenn ich nicht vor Ort bin, da fließt nix.

Niklot

Niklot: Und die Follower?

Ich seufzend: Niklot.

Niklot: Jawohl, dein Fürst. Wenn du erst zum Ende des Sommers wieder im Lande bist, dann… Wer soll sich dann um unsere Untertanen kümmern? Für die Erneuerung des Bundes sorgen?

Ich: Niklot, wie oft habe ich dir schon gesagt, dass es hier nicht um Tage und Wochen, sondern um Monate und Jahre geht…

Niklot: Das hast du noch nie gesagt. Du hast nur von Teamplayern gesprochen und von dieser alten Vettel Beeeerthaa.

Die alte Vettel

Niklot spricht Berthas Namen breit gezogen und verächtlich aus. Er redet wie von einer gealterten Küchenmagd mit Warzen im Gesicht, die ihm über die Jahre lästig geworden ist.

Ich fasse mir mit Daumen und Zeigefinger ans Nasenbein und atme tief ein, halte kurz die Luft an und dann wieder aus. Ruhig bleiben, du warst schön öfter mit Niklot in solchen Situationen, bleib‘ einfach ruhig. Er meint es nicht so.

Ich noch mal tief durchatmend: Mein Fürst, ich werde nicht ruhen, ehe wir nicht die Bürger der Stadt erneut unter dir vereint haben. In Friede und Liebe und von mir aus auch unter deiner erhabenen weisen Führung.

Nilot: Kleiner Schreiberling, das sind die gescheitesten Worte, die ich bisher von dir vernommen habe. Du lernst.

Zu Würde und Ehre

Ich seufzend: Ja, ich lerne.

Niklot: So, sei es. Dann hinfort mit dir. Ziehe in die Welt. Aber gereiche Schwerin zu Würde und Ehre in den fernen Gefilden.

Ich klappe nur leicht frustriert mein Buch zu. Ruhe zum Schreiben finde ich hier auch nicht. Langsam wird mir kalt von der nassen Hose. Ein paar Passanten schauen mich verstohlen von der Seite an. Zum Glück nur Touristen.

Ich denke nach: Die  Protagonisten der Stadt haben ein zu großes Eigenleben über die letzten Wochen entwickelt. Ich springe von meinem Platz auf das Kopfsteinpflaster der Schlossbrücke und komme federnd zum Stehen.

Niklot: Nun, soll ich dich bis an die Grenze meines Reiches bringen?

Dampfrösser

Niklot gibt seinem Pferd die Sporen, dieses steigt wiehernd auf die Hinterbeine. Ich traue meinen Augen nicht, er wird doch jetzt nicht auf die Idee kommen, seinen angestammten Platz zu verlassen.

Ich die Hände beruhigend hebend und senkend: Gemach, gemach, mein Fürst. Ich – ähm – komme gut allein zurecht. Es gibt da diese Dampfrösser, weißt du?

Schritt für Schritt entferne ich mich rückwärts in Richtung Alter Garten.

Niklot erbost: Ein dampfendes Ross?

Ich: Ja, Eisenbahnen.

Niklot die Augen zu Schlitzen verengend: Eine eiserne Bahn? Ein dampfendes Ross? Eine Wunderwaffe? Ein Ungetüm eurer Zivilisation, naturverachtend und entgegen der Einheit von Mensch und Umwelt?

Ich fast flehend: Bitte Niklot, mein Fürst. Nicht das nun. Eine Eisenbahn ist nichts – ähm – böses. Sie verbindet Menschen. Sagen wir einfach… nur um das zu verkürzen… ich komme zurecht, ja? Und um das einende und die Natur, da kümmern wir uns wieder Ende des Sommers drum, abgemacht?

Niklot widerwillig sein Reittier zügelnd: In Ordnung. Gehab‘ dich wohl, Schreiberling. Und mach‘ nicht zu viele Worte, Taten, du erinnerst dich.

Ich erleichtert: Ja, Niklot und jawohl, mein Fürst.

Niklot scheint beruhigt. Ich sollte endlich lernen, dass ich vorsichtig mit neuen Begriffen bei ihm und dem See sein sollte.

Ich nur, weil ich ganz sicher gehen will, dass ich aus dem Schneider bin, mache einen tiefen Bückling und entferne mich weiter Schritt für Schritt, demütig: Ich verneige mich vor euch, mein Fürst.

Ein Befehl

Fast habe ich das von Niklot aus gesehen linke von den zwei slawischen Reiterstandbildern am Ende der Schlossbrücke erreicht. Noch ein Schritt.

Niklot: Und besuch‘ die alte Vettel auch noch. Ich mag sie nicht, aber sie scheint gut für unsere Unternehmung und deine Motivation zu sein.

Ich verziehe mein Gesicht. Fast hätte ich es geschafft; die Fliege gemacht, ohne einen weiteren Auftrag von Niklot.

Ich zögerlich: Mein Fürst, ähm, Bertha liest das so und so. Sie hat ein Smartphone und ist aktiv auf Instagram, sie liest die Artikel.

Niklot plötzlich wieder wütend: Worte? Wieder nur Worte? Schreiberling, was fällt dir ein? Jemanden auf deine niederträchtige Schrift zu reduzieren, wenn er nicht mal eine Viertel Wegstunde von hier sitzt und du mit ihm reden kannst? Was bist du für ein Hahnenfuß? Du gehst nun zu dieser Bertha und verabschiedest dich. Ist das klar?

Ich resigniert: Ja, mein Fürst.

Ich wende mich ab und gehe an der Siegessäule vorbei in Richtung Bertha. Das war’s dann wohl mit ‚meinem‘ Artikel; darf ich gleich alle drei Störenfriede mit in die Blogkategorie hineinnehmen, wenn ich den Text für’s Netz fertig mache. Und ich wollte doch nur eine Abwesenheitsnotiz schreiben. Keine große Sachen, euch nur sagen, auf was es ankommt, wenn man unterwegs ist oder daheim bleibt, was wichtig ist.

Aber der See sieht das anders, klar. Niklot sieht das auch anders, is‘ ja logisch. Und Bertha? Na, die wird mir jetzt auch gleich eins überziehen. Ich bin ja immer der Dumme. Die drei wissen ja Bescheid. Aber ich, ich muss lernen, ich habe keine Ahnung.

Bertha

Seufzend komme ich vor Berthas Beet zu stehen, habe schon ein ‚Hallo Bertha‘ auf den Lippen, als ich es sehe.

Bertha ist weg. Die Blumen, die Gießkanne, der kleine Spatz darauf alles ist da. Aber die Blumenfrau von Schwerin ist weg. Keine Spur.

Ich zucke mit den Achseln und gehe. Sicher macht sie eine Besorgung. Bertha, wenn du das liest, dann sei gegrüßt. Ich wollte nur ‚Tschüss‘ sagen und ‚Bis zum Ende des Sommers‘. Mach‘ keine Dummheiten und genieß‘ die Wärme in Schwerin.

Und ihr da Draußen: Macht es gut! In Schwerin oder auf Mallorca oder in den Bergen oder am Meer. Und nicht vergessen… Schwerin ist die schönste Stadt Deutschlands.

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