Ein Rabe in Schwerin

Eine Ausstellung in der MV-Fotogalerie, eine Begegnung mit Jutta Schwöbel und ein Interview mit einem Raben

An einem Veranstaltungsständer in der Innenenstadt bleibt mein Blick an einem Bild hängen: Ein Rabe. Schwarz, undurchsichtig, wissend, blickt mir von dem Flyer entgegen. Geworben wird für die Ausstellung ‚Ein Rabe in Schwerin‘ von der Fotografin Jutta Schwöbel, die noch bis Ende April in der MV-Fotogalerie im Innenhof der vhs zu sehen ist.

Gebannt lässt mich der Blick des Raben nicht los. Ich besuche die Ausstellung, wechsle ein paar Worte mit der anwesenden Künstlerin. Wir tauschen Eindrücke aus, Gedanken… Zeit für ein Interview, ein ganz besonderes Interview.

Das Interview

Nach unserer Begegnung haben Jutta und ich uns verabredet, denn wir wollen ein Tier befragen – genauer einen Raben, den Raben der Ausstellung, Schneeflocke.

Wir treffen Rabe Schneeflocke in seinem angestammten Gebiet im östlichen Teil des Burggartens. Jutta, mit einer Tüte Nüsse in der Hand und obligatorisch mit Kamera an der Schulter hängend, setzt sich auf eine Bank und weist mir mit ihrer freien Hand den Platz neben ihr zu. Wir warten eine Weile schweigend und sehen uns um. Es dauert nicht lange und der Rabe erscheint, nicht weit von uns, auf einem Baum etwas links von uns sitzend. Fragend neigt er seinen Kopf und schaut uns an.

Es geht los

Jutta hält sich im Hintergrund, während ich zunächst zögernd, meine Fragen stelle:

Schneeflocke, ich hoffe, ich darf Sie – oder besser dich? – Schneeflocke nennen?

Er: Schneeflocke ist in Ordnung.

Schneeflocke, wir befinden uns hier in Ihrem Gebiet, in Ihrem Land. Jutta hat mir erzählt, dass sie Sie nie nur abfotografiert hat, sondern Ihre Treffen immer Begegnungen waren. Begegnungen von zwei Gleichwertigen. Wie sehen Sie das?

Er: Nun ja, insofern gleichwertig, als wir uns gegenseitig mit Interesse wahrgenommen haben.

Die meisten, die mein Land durchqueren oder sich darin aufhalten, sehen oder beachten mich nicht, auch wenn ich auf mich aufmerksam mache.

Die Möwe

Während Ihrer Fototermine haben Sie einmal bewusst eine Möwe zu Boden gedrückt und den Schnabel um ihren Hals gelegt. Erst als Jutta das Foto von dieser Situation machte, öffneten Sie Ihren Schnabel und die Möwe konnte fliehen. War das Selbstinszenierung oder Lehrstunde für uns als Betrachter?

Er: Ehrlich gesagt, ich hatte während der Fototermine schon allerhand angestellt, das ganze Kunstwerk meines Gefieders gezeigt, meine Schönheit, mein Können, mein schauspielerisches Talent, habe mein ganzes Balzrepertoire durchgezogen. Das hat mir sehr gefallen.

Und dann, auf einmal, wollte ich einfach zeigen, was ich noch kann. Da kam diese nervige Möwe gerade recht. Das hat, glaube ich, wirklich imponiert. Und ich in Siegerpose.

‚Ich kann mindestens bis zwei zählen.‘

— Übrigens: ein Maler hatte mal einen Auftrag, aber es passierte nichts. Als der Auftraggeber Monate später nach dem Werk fragte, sagte der Maler: ohne Gage fällt mir nichts ein.

Schneeflocke hüpfte auf die Bank und nimmt eine Erdnuss entgegen, betrachtet die Nuss, die Tüte, wieder die Nuss.

Er: Ich kann mindestens bis zwei zählen.

Er nimmt die zweite Erdnuss, packt beide geschickt mit dem Schnabel und verschwindet. Nach kurzer Zeit ist er wieder da.

‚Was ist Wissen?‘

Die Fotografin Jutta Schwöbel hat Sie in ihrer aktuellen Ausstellung ausgiebig porträtiert. Wir erleben und erfahren Sie als wissendes Wesen in einer unwissenden Zeit. Wissen Raben mehr als Menschen?

Er: Wissen. Was ist Wissen? Wir haben hervorragende Augen. Wir Raben sitzen hoch oben und beobachten alles. Wir kennen jedes Wesen da unten, das mehr als einmal in unserem Land ist, ob es geht, fliegt, schwimmt oder kriecht. Wir können nicht in die Zukunft sehen. Aber wir behalten alles. Wir sind die Erinnerung. Das macht uns unheimlich, davor fürchtet man sich.

Durch die Bilder der Ausstellung korrespondieren Sie als Wesen mit hunderten von Menschen. Sind Sie sich bewusst, dass die Fotografien von Ihnen in uns Demut und Einsicht auslösen? War das Absicht?

Er: Also, bei mir würden diese Fotografien keine Demut auslösen, aber ich wäre entzückt von der Schönheit, meiner Schönheit, von der Aufmerksamkeit, der Wahrnehmung, der Empathie.

Eine Besonderheit sehe ich darin, die Fotografien zu betrachten, als wäre es das erste Mal, als hätte noch nie jemand einen Raben gesehen, einen wie mich.

‚Ich bin sozusagen Schlossherr.‘

Hier im Blog beschreiben wir Schwerin gerne als ‚Die schönste Stadt Deutschlands‘. Wie stehen Sie zu Schwerin? Würden Sie diese Stadt als schön bezeichnen?

Er: Ich habe mir hier ein super Revier erkämpft, das ich heftig gegen alle Nachbarn verteidige. Ich bin sozusagen Schlossherr; hier gibt es alles, große hohe Bäume, Wasser, Sympathisanten.

Leider auch ein paar Gärtner, die mich weniger mögen. Aber ich bin hier der König. Hier trauen sich nicht mal unsere Junggesellentrupps, die Halbstarken her. Die Reviere in der Stadt sind recht klein, aber begehrt und dies hier ist einfach Spitze. Schwerin ist ein Glücksfall.

Schneeflocke, ich danke für das Interview.

Jutta und ich verabschieden uns von Schneeflocke und verlassen den Burggarten.

Die Ausstellung ‚Ein Rabe in Schwerin‘ befindet sich in der MV-Fotogalerie, Puschkinstraße 13, 19055 Schwerin und ist bis zum 28.04.2019, Do – So von 15-18 Uhr, dort zu sehen. Die Finissage ist am 27.04.2019 im Rahmen von ‚FrühjahrsErwachen‘ ab 13 Uhr.

Der Eintritt ist frei.

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5 Kommentare

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Danke für dieses wunderbare Interview mit Schneeflocke.
Ich habe mich durch Frau Schwöbels Bilder in Schneeflocke verliebt. Ich kannte den Bildband von Schneeflocke schon etwas länger und war schon „Fan“.
Eine sehr zu empfehlende Ausstellung! Man sieht in den Bildern, da ist was zwischen Jutta und Schneeflocke .
Ich bin mir sicher, der Rabe ist jemand den Jutta schon kannte, in einem anderen Leben.😉

Wie für mich gemacht – danke – Wally, die versucht im Sommer Schwerin kennen zu lernen und vielleicht auch Schneeflocke – wer weiß ….

Immer herzlich Willkommen. Für die besonderen Freizeittipps – wie zum Beispiel ‚Wo ist die schönste Badestelle‘ gerne bei uns melden.

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