Es ist heiß

36 Grad im Schatten und der See beginnt ein philosophisches Gespräch über Elefanten, Fülle und Mangel. Der Autor schwitzt, hört und versteht.

Ich setze mich mit den Füßen im Wasser an das Ufer vom Schweriner See an der Marstallhalbinsel. Hinter mir rennen gerade die Teilnehmer des Triathlons in der glühenden Mittagshitze. Ich frage mich, ob man bei den Temperaturen einen Triathlon nicht komplett in das Wasser verlegen könnte.

Genug Badestellen gibt es doch in Schwerin. Da meldet sich der See. Kleine Uferwellen umspielen meine Beine.

See: Hallo, kleiner Zweibeiner.

Ich: Hallo See. Du, es ist heiß, viel zu heiß.

See: Warum heiß?

Ich: Na, die Temperatur. Wir Menschen sind Säugetiere und leben bei ca. 36-37 Grad Celsius Körpertemperatur.

See: Aha.

Das kitzelt

Ich weiter fortführend: Aber wenn die Außentemperatur…

See: Die Außentemperatur?

Ich: Ähm, ja die Temperatur um uns herum. Also die Lufttemperatur. Wenn die also so über 30 Grad Celsius steigt, dann haben wir Schwierigkeiten – zumindest viele von uns – unseren Körper auf Normaltemperatur zu halten. Wir schwitzen, um uns zu kühlen. Aber manchmal, da reicht das nicht mehr.

See: Und dann?

Ich: Dann gehen wir baden. Zum Beispiel in dir. Haben wir doch vor ein paar Tagen drüber geredet, dass Schwerin unter anderem deswegen die schönste Stadt Deutschlands ist und dann haben wir die…

See: …die Badestellenrangliste gemacht. Ja ich erinnere mich. Im Moment strampeln sogar sehr viele von euch mit euren zwei Beinchen in mir herum. Das kitzelt.

Ich: Kitzelt?

See: Ja, das sage ich im übertragenden Sinne. Damit du besser verstehst. Ich merke ja schon, dass dich zu viele Fragen von mir nerven. Also mach‘ ich’s dir lieber ein bisschen einfacher zuweilen.

Ich: Ach so.

Das find‘ ich nett vom See. Vielleicht ist dann diese ewige Fragerei ‚Was ist ein Haus?‘ langsam vorbei und wir können über andere Dinge reden. Wie’s mit Schwerin weitergeht zum Beispiel. Noch während ich überlege, reißt mich der See aus meinen Gedanken.

Elefanten

See: Jedenfalls fühle ich mich mit den vielen Beinchen in mir immer wie ein afrikanisches Wasserloch in der Serengeti.

Ich: Wie kommst du denn jetzt darauf?

See: Na ja, ihr habt dann was von so einer Elefantenherde, die sich am Wasser sammelt und dort bleibt. Jetzt weiß ich auch warum.

Ich: Und warum?

See: Ihr sammelt euch, um euch abzukühlen.

Ich lachend: Ja, ganz richtig. Aber eine Elefantenherde sind wir dann vielleicht doch nicht.

See: Warum nicht?

Ich irritiert: Warum nicht? Wie meinst du das?

See: Na ja, ihr und die Elefanten geht ans Wasser, um euch abzukühlen.

Ich: Richtig.

See: Ihr und die Elefanten lebt in Gemeinschaft, kümmert euch um eure Kleinen und tragt Uferkämpfe aus.

Ich: Uferkämpfe? Du meinst so, wie die Elefanten, die keine Löwen am Wasser akzeptieren?

See: So ungefähr.

Die Hackordnung

Ich: Aber wer sind dann die Löwen?

See: Manchmal die Schwäne, aber meistens eher andere von euch Zweibeinern. Da gibt es doch auch eine Hackordnung, wer die schönste Badestelle mit seiner Familie besetzt, wer sein Handtuch am nächsten am Wasser hat, den besten Schatten- oder Sonnenplatz ergattert.

Ich muss wieder lachen. Der See sieht uns Menschen natürlich ganz anders, eher übergeordnet. Für ihn sind wir weniger höhere Lebewesen, als viel mehr eine Sorte von Säugetieren.

Ich: Gefällt mir, deine Sichtweise.

See: Und ganz schlimm seid ihr mit den Kälbern.

Ich: Mit den Kälbern? Du meinst mit unseren Kindern?

See: Ja, eure Säuglinge und Halbwüchsigen. Da ist die Hackordnung am schlimmsten.

Langsam erkenne ich besser, wie der See gerade drauf ist. Wenn er glatt vor mir liegt, überlegt er intensiv, kräuselt er sich, ist er eher amüsiert, bei stärkerem Wellengang kommt die Wut in ihm hoch. Gerade liegt er am Horizont flach, am Uferbereich mit leichten Wellen zu meinen Füßen. Ich grübele noch, da fährt er schon fort.

See: Wehe die eine Mutter schmiert mehr von dem komischen Zeugs auf ihr Kind als die andere. Dann greift die andere hektisch zur gelben Flasche und schmiert ihr Kind noch dicker ein.

Ich schnell mitdenkend und für mich übersetzend: Du meinst Sonnencreme?

See: Keine Ahnung. Oder wenn dann mal einer von den Vätern sich herablässt und so eine von den Sandburgen anfängt zu bauen, dann muss die von dem Papa von Nebenan gleich einen Turmhöhe größer sein. Ganz egal, ob’s dem Spross dann noch Spaß macht oder nicht.

Mangelbewusstsein

Ich: Ich glaube, du redest von dem Konkurrenzprinzip.

See: Nenn‘ es wie du willst. Jedenfalls führt es euch in den Mangel. Ihr seid Durstende in einem Land voll Reichtum. Der Vergleich führt euch immer ins Mangelbewusstsein. Ihr solltet damit aufhören. Da unterscheidet ihr euch ganz klar von den Elefanten. Die haben wirklich den Mangel, den Mangel an Wasser, wenn Trockenzeit ist. Aber ihr?

Ich nicke.

See weiter: Zumindest scheinst du mir zuzustimmen. Es gibt keinen Mangel, es gibt nur die Fülle. Schau‘ mich an.

Ich nüchtern: Ich sehe Wasser, Wellen, Blau.

See: Genau – ich bin. Ich bin das Wasser. Das ist Reichtum.

Ich: Und wir? Wir Menschen? Ich meine, wenn du sagst wir sind wie die Elefanten, was sollten wir spüren, wie sollten wir leben?

Die Fülle des Lebens

See: Kleiner Zweibeiner, liegt das nicht auf der Hand? Das gleiche. Ihr solltet sagen: Ich bin, ich lebe, ich darf die Fülle des Lebens genießen.

Ich zweifelnd: Auch ohne Geld und in der Hitze und ohne…

See mahnend: Da machst du es wieder. Das ist wie die Mutti mit der Creme. Das ‚ohne‘ ist schon der Vergleich. Da wird es schon gefährlich. Du sitzt doch hier, oder nicht?

Ich: Natürlich.

See: Dir fehlt doch gerade nichts, oder?

Ich: See, das wird mir, glaube ich, zu biblisch. So wie ‚Sehet die Vögel unter dem Himmel, sie säen nicht und euer himmlischer Vater nährt sie doch.‘

See: Niemand hat von Gott gesprochen. Damit fängst du jetzt an.

Ich: Ich meine ja auch nur. Kann ich nicht einfach dankbar sein, dass ich hier sitzen darf und dann nehm‘ ich halt die Sonnencreme und schmier‘ mein Kind dicker ein oder bau‘ die Burg größer, aber gut ist. Keine Wertung, kein Vergleich?

See zustimmend aber leicht resigniert: Das ist immerhin ein Anfang.

Ich: Danke.

See: Gerne. Aber wir reden nochmal.

Ich: Ist gut.

Das ist das erste Mal, dass ich solch missionarische Gedanken vom See höre. Natürlich hat er seine Sicht, er steht darüber, er sieht die Dinge aus einer anderen Perspektive, auch uns Menschen, Zweibeiner, wie er immer so schön sagt.

Aber meine Güte, es ist heiß. 36 Grad Celsius im Schatten. Da kann man doch auch einfach mal nicht denken, oder?

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