Frühling

Bertha Klingberg, die Blumenfrau, und die Farbe Lila

Ich sitze neben Bertha, am Klingbergplatz. Meinen Laptop habe ich heute nicht dabei. Deswegen ist das Gespräch nur aus der Erinnerung geschrieben. Es ist kalt, nur ein paar Schneeglöckchen stehen einsam hinter Bertha. Ihr kleines Beet zu ihrer Linken ist noch nicht bepflanzt.

Ich: Bertha?

Bertha: Ja, mein Junge?

Ich: Vermisst du eigentlich den Frühling?

Bertha: Jedes Jahr, mein Junge, jedes Jahr.

Ich: Und was vermisst du am meisten?

Bertha und der Herzog

Bertha: Die Blumen. Als ich zehn Jahre alt war, da bin ich sogar…

Ich: Bertha, die Geschichte kennt doch jeder – da bist du sogar über den Zaun geklettert, um die Blumen im Schlossgarten anzuschauen. Und dann kam der Herzog und hat dich nicht mal richtig angepflaumt, sondern dich sogar als Dauergast in den Schlossgarten eingeladen. Das war dann 1908, richtig?

Bertha: Jungchen, wenn du das alles weißt, wieso rede ich dann mit dir?

Ich: Tut mir Leid. Erzähl‘ ruhig.

Bertha: Also ich war zehn…

Ich: Ja.

Bertha: Und dann bin ich immer so am Zaun hin- und hergelaufen und habe nach den Blumen geschaut.

Ich: Ja.

Bertha: Und die Blumen waren so schön. Es war im Mai, da wuchsen schon die Tulpen und die Hyazinthen kamen raus. Also nicht nur dieses Schneeglöckchengedöns und die Winterlinge.

Ich: Ja. Du magst es wohl üppig, wie?

Bertha ist kurz irritiert: Jedenfalls bin ich über den Zaun und stand vor den Tulpen. Die Farben, meine Junge, ich sag‘ dir, die Farben. Das war eine Freude.

Die Farbe Lila

Ich: Es gibt eine Stelle im Buch ‚Die Farbe Lila‘ von Alice Walker. Da laufen zwei Frauen durch eine Wiese voll mit violetten Blumen.

Bertha: Sicher Flieder.

Ich: Kann sein. Jedenfalls sagt dann die eine Frau zu der anderen…

Bertha: Oder Blaukissen.

Ich: Was?

Bertha: Die lila Blumen, könnten auch Blaukissen sein – die schimmern manchmal schön lila.

Ich: Ja, also die eine Frau sagt zur anderen ‚Ich glaube, es stinkt Gott, wenn du irgendwo in einem Feld an der Farbe Lila vorbeigehst und sie nicht siehst.‘

Bertha: Oder Prachtscharte.

Ich: Bertha, jetzt mal ehrlich, ich versuch‘ dir hier was zu sagen.

Bertha: Ja, mein Junge, sag‘ ruhig. Ich hör‘ dir zu.

Ich: Na ja, dass es schön ist, dass du dich so an den Blumen und an den Farben freust. Gottes Schöpfung und so.

Bertha grinst verschmitzt.

Ich: Was jetzt?

Bertha: Aber das weiß ich doch, mein Junge.

Ich: Was weißt du?

Bertha: Dass das schön ist, dass Blumenpracht was wundervolles ist. Da brauch‘ ich deinen Roman nicht für lesen.

Ich: Aber es geht ja auch um was Generelles, um Schönheit und Reichtum der Natur. Und ja, es ist ein gutes Buch.

Bertha: Und? Muss es deswegen jeder lesen?

Ich: Nein.

Bertha: Na also, Jungchen.

Ich hatte das Gefühl, das war ihr letztes Wort. Und tatsächlich schwieg Bertha. Ich gab‘ ihr einen verlegenen Kuss auf die Wange, wie ich es immer zur Begrüßung und zum Abschied tue, und ging nach Hause, vorbei an den Schneeglöckchen und Winterlingen. Bertha hat schon Recht. Üppig ist schöner, aber Schneeglöckchen find‘ ich im Moment auch voll in Ordnung.

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