H2O

Der Schweriner See ist wütend

Den ganzen Tag über liegt ein seltsames Knurren in der Luft. Zunächst denke ich, es liegt am Sturmtief Franz, dann, dass ich selbst vielleicht einfach unruhig bin wegen bevorstehender anstrengender nächster Wochen. Schließlich laufe ich aus dem Schlossgarten in Richtung Ruderverein und Schlossbucht. Feiner kalter Regen benetzt Haut, Mantel und Jeans. Und dann sehe ich es: Der See ist außer sich. Wellen türmen sich, fast schon meeresgleich.

See unverständlich: Galaktischer….Gra… So ein… Wenn …klot, dann… rrr. Arrgh!

Ich: See?

See: Verdammter… Frst… Möchtegern… Emprkmling.

Ich lauter: See!

See: Wenn… ich… knnt… wrd… vn… Sockel… runterhn.

Wut

Ich ziehe kurzentschlossen die Schuhe und Socken aus, balanciere durch Gestrüpp ins seichte Wasser. Irgendwo in einem Jugendroman habe ich mal gelesen, dass die Heldin telepathisch mit Walen reden konnte, weil sie im, nicht neben dem Wasser stand. Das würde die Verbindung stärken oder so.

Eiskalt umspült der See meine Füße. Lange werde ich das nicht durchhalten.

Ich: See, was ist los?

Der Wind bläst weiter in mein Gesicht, aber plötzlich gehen die Wellen um mich herum in ein sachtes Wogen über.

Ich: See, nun sag‘ schon. Ich hör‘ doch zu.

See drohend: Gerade du!

Ich: Ich? Was ist mir mir?

Plötzlich türmen sich die Wellen wieder. Ich versuche mich ans Ufer zu retten, bin aber sofort klatschnass bis zu den Oberschenkeln.

See zischt: ‚Die schönste Stadt Deutschlands‚ hast du gesagt. Warum? hab‘ ich gesagt. Wegen dir, hast du gesagt. Wegen mir! Verstehst du? Ich. Der See. Nicht Niklot, kein unwichtiger Zweibeiner, kein Fürst mit Allmachtsphantasien. Ich. Wasser. Das Leben. H20!

Ich: Du meinst…?

See: Ja, ich meine. Ein nettes Gespräch war das, hm? Laut genug wart ihr ja. Kleiner Zweibeiner und großer Zweibeiner. So habt ihr euch das wohl vorgestellt? Untertanen akquirieren. Follower, nicht wahr? Hinter meinem Rücken, wie?

Ich: Wovon redest du?

See: Von Niklot und dir, du zweibeiniger Wurm! Aber ich sage dir: Ich bin das Wasser, ich bin das Leben. Follower? Pah! Schwerin sagst du? Ein Dreck. Ich bin überall, die ganze Welt kenne ich. Jedes Wasserloch, jeder Fluss, jedes Meer ist mein Freund, nenn‘ mir einen Ozean, wir sind eins! Ihr… seid nichts! Wir waren schon auf dieser Welt, da wart ihr noch Urschleim, evolutionärer Abfall. Nichts weiter.

Für Schwerin

Ich: Aber See, bitte, hör‘ mir zu. Ich mach‘ das doch für Schwerin, für die Stadt, für die Menschen, also die Zweibeiner, die in den Häusern wohnen, die vielen Steine nebeneinander, weißt du noch? Ich mag nun mal diesen Flecken Erde, und Niklot und Bertha gehören zu dieser Stadt wie, ja, wie du auch. Ihr seid wichtig. Du und Niklot und Bertha. Jeder auf seine Weise.

See kurz angebunden und misstrauisch: Wer ist Bertha? Noch so ein Möchtegerndiktator?

Ich: Nein, nein, gar nicht. Sie ist nett. Eine liebevolle alte Dame. Sie hat das Herz am rechten Fleck. Ich mach‘ euch mal bekannt, wenn du magst.

See unwillig: Hmpf.

Ich: Und Niklot ist auch in Ordnung. Er kommt halt aus einer anderen Zeit. Weißt du, wir Menschen, wir sind…

See: Dumm.

Ich: Ähm, ja, vielleicht. Aber wir wollen…

See: Macht.

Ich: Nein, also nicht als primäres Ziel. Wir bemühen uns. Wir wollen, dass es gut geht mit der Welt, der Natur, den Menschen, den Tieren. Zumindest sehr viele wollen das. Und Niklot – da bin ich mir sicher – er hat das Herz auch am rechten Fleck.

Es ist ein Weg

Die Wellen um mich herum haben sich wieder beruhigt. Dennoch klebt meine Jeans kalt und nass an meinen Beinen. Meine Füße fühlen sich an wie Eisklumpen.

See vorsichtig: Und die Anhänger, die Follower, die sind dann auch für mich? Nicht, dass ich das nötig hätte; ich BIN das Wasser, aber… nur so aus Interesse.

Ich: Ja, die wären auch für dich. Es geht immer um das Ganze.

See: Bin mir nicht sicher, ob der Niklot das auch so sieht.

Ich: Nun, es ist ein Weg, See.

See: Ein Weg?

Ich: Ähm, das sagen wir Zweibeiner so, wir gehen ja auf Wegen, also auf so Straßen. Und wenn man sagt ‚Es ist ein Weg‘, dann heißt dass, dass das eine Weile dauern wird.

See: Wie lange ist eine Weile?

Ich: Na ja, zwanzig, fünzig, hundert Jahre?

See: Gut.

Ich: Was gut?

See: Dann ist gut. Bin dabei. Hundert Jahre find‘ ich prima.

Ich: Du machst dir wohl nicht so viel aus Zeit, was?

See: Nein, du?

Ich: Ähm, ich glaube nicht. Ich mach‘ dann mal los. Frieden?

See: Frieden.

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