Kindereien

Das Zeitalter der mangelnden Empathie und
Niklot setzt mich auf den Topf

Ich stehe gerade am Alten Garten und warte auf eine Freundin.
Nach dem Gespräch mit dem See vorgestern klingeln mir noch ganz schön die Ohren. Wo soll das noch hinführen? Niklot und See werden Erzfeinde, Bertha adoptiert mich als Ururenkel und das Schwerinlogbuch verschwindet nach drei Monaten im digitalen Nirvana. Ich schaue verstohlen zum Schloss rüber.

Niklot meldet sich

Niklot: Können wir weitermachen?

Ich: Was?

Niklot: Na, mit den Untertanen, mit unseren Followern? Wie viele haben wir schon? Wie viele sind bereit den Schwur der Vereinigung und Treue zu leisten?

Ich: Nik…, ich meine, mein Fürst, ich fürchte…

Niklot: Wie viele, Schreiberling?

Ich: Ähm, einen, also eine, um genau zu sein.

Niklot wütend: Waaas?

Ich: Niklot, das ist nicht so einfach. Follower, also Untertanen sind keine willenlosen Geschöpfe. Die müssen ein echtes Interesse haben.

Niklot: Aber die eine, die hatte doch echtes Interesse, oder?

Ich: Ja, sie hat sich angemeldet und zwei Kommentare geschrieben und ihr gefällt, was ich schreibe.

Niklot: Und den anderen nicht?

Ich gespielt unterwürfig: Die anderen finden uns noch nicht, mein Fürst.

Niklot: Wegen der Suchmaschinenglorifizierung.

Ich schmunzelnd: Genau.

Niklot: Dann also doch weiter – Schreib‘: Schwerin Schwerin Schwerin Schwerin Schwerin Schwerin Schwerin Schwerin Schwerin Schwerin Schwerin Schwerin…

Ich: Mein Fürst, das hat keinen Sinn.

Niklot: Schreiberling, sind sie in eurer Zeit alle so wankelmütig? Du musst an deiner Willenskraft arbeiten. Zuerst soll ich deine Chronik, dieses logschwer, bekannt machen, dann wieder nicht. Was willst du?

Ich leichten Zorn unterdrückend: Ich möchte euch und der Stadt zu Ehre und Ruhm gereichen und ja, die Idee Schwerin so häufig zu zitieren ist an sich eine gute. Aber es sind mehrere Ebenen. Die Technik und die Verbreitung muss mit dem Inhalt Hand in Hand gehen. Und dann… ich zögere

Kindereien

Niklot: Was, und dann…

Ich: Ach, es hat ja doch keinen Sinn.

Niklot: Sprich‘, Schreiberling, du bist immernoch mein Untertan. Also, wird’s bald.

Ich wütend: Reden soll ich? Kannst du haben. Vielleicht solltest du froh sein, dass es keine Follower gibt. Ich manövriere mich hier nämlich immer tiefer in die reinste Kinderei.

Der See! Der See war wütend, tierisch wütend; vorgestern hätt‘ der mich fast ertrinken lassen. Wegen dir, du eingebildeter Despot.

Weil du nicht von deinem hohen Ross herunterkommst und denkst, die ganze Welt dreht sich um dich. Aber ich sag‘ dir mal was, kein Mensch interessiert sich für dich und deine alten Götter.

Niklot schaut interessiert, aber unaufgeregt auf mich herab. Ich rede mich weiter in Rage.

Ich: Weißt du eigentlich wie kindisch der See und du ihr euch benehmt? Seit nicht mal zwei Wochen habt ihr jemanden, der euch ernst nimmt. Der euch und die Stadt bekannt machen will, der was versucht, der sich Mühe gibt…

Und was macht ihr? Ihr wollt und wollt und wollt. Nicht den reinsten Schimmer, wie diese Welt hier funktioniert, in was für einem Zeitalter wir eigentlich leben, aber nur haben haben haben. Zum Kotzen ist das.

Eine unerwartete Wendung

Niklot unbeindruckt: In was für einem Zeitlater leben wir denn, pardon, lebst du denn?

Ich irritiert: Wie bitte?

Niklot unerbittlich: Du hast mich verstanden. In was für einem Zeitalter?

Ich: Was weiß ich? In dem technischen, dem digitalen?

Niklot zweifelnd: Aha.

Ich: Sag’s mir doch, wenn du’s so gut weißt.

Niklot ruhig: Schreiberling, wir leben im Zeitalter der mangelnden Empathie. Ein Wort, das ich von euch gelernt habe. Zuhören hätten wir gesagt oder Erspüren.

Jetzt sperr‘ mal deine Ohren auf, Schreiberling: Du redest von Kinderei? Du? Wer führt sich hier auf, als müsste sich morgen die ganze Welt um ihn drehen? Wer schreibt dieses Logbuch hier aus, ach, so großer Selbstlosigkeit, obwohl er doch eigentlich nur um Anerkennung heischt? Du bist das.

Der See ist wütend? Recht hat er. Es ist das Wasser des Lebens, von ihm kommt alles, es hat unseren größten Respekt verdient. Wer bist du, dass du dir anmaßt uns als kindisch zu verurteilen?

Ich widerstrebend: Es… es tut mir Leid.

Niklot: Das ist gut. Und noch besser wäre es, wenn du es Ernst meinst. Schreiberling?

Ich auf den Boden schauend: Ja?

Niklot: Ich mag dich. Du möchtest das Richtige. Aber der See und auch ich, wir sind Global Player, so nennt ihr das doch, oder? Wir spielen in einer anderen Liga. Du solltest dich glücklich schätzen, dass wir mit dir reden.

Ich kleinlaut: Das bin ich ja auch.

Niklot: Also, dann weiter mit der Suchmachinenglorifizierung?

Ich: Ja, weiter.

Meine Freundin stand vor mir. Sie muss sich gewundert haben, dass ich später das ganze Gespräch mit ihr fast nichts gesagt habe. Niklot hatte mich auf den Hosenboden gesetzt. Recht hat er.

[Gesamt:5    Durchschnitt: 4.8/5]

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