Murks

Schwerin ist die schönste Stadt Deutschlands. Aber was nützt das, wenn man selbst dort keine Ruhe findet?

Es ist Montag früh und nach einigen Regengüssen scheint die Sonne immer wieder durch das Wolkenmeer. Ich packe Laptop, Notizbuch und Stift ein und setze mich zum See auf der Schlossinsel. Fast keine Touristen, eine ruhige Bank für mich.

Ich: Hallo See.

See: Hallo, kleiner Zweibeiner.

Innehalten

Ich: Niklot hat mich zu dir geschickt.

See: So?

Ich: Ja, er sagt, du würdest mir gut tun, wenn ich außer mir wäre und wieder etwas oder jemanden zum Innehalten bräuchte.

See: Zum Innehalten?

Ich: Ja.

Wir schweigen. Frage mich, ob das schon reicht. Einfach schweigen? Reicht das zum Innehalten?

Ich unvermittelt: Ich weiß nicht weiter. Ich bin doch hier wegen dir. Also weil Schwerin die schönste Stadt Deutschlands ist. Aber alles ist Murks.

Der Kleingarten

Bei dem Wort merke ich, wie viel Frustration und Ratlosigkeit in mir ist. Zumindest fange ich nicht an zu flennen wie bei Niklot damals.

See: Murks?

Ich: Ja, Murks. Wir haben einen Garten, weißt du?

See: Einen Ga…?

Ich ungeduldig: Ja, einen Kleingarten. Wir erklär‘ ich dir das jetzt? Also, ein Kleingarten ist sozusagen ganz viel Grün und da gehen wir Zweibeiner hin, wenn wir uns erholen und nicht mehr in den Häusern sein wollen. Du weißt schon, die vielen Steine aufeinander, in denen wir leben.

See: Verstehe, warum seid ihr dann überhaupt in diesen Steindingern, wenn ihr euch sogar davon erholen müsst und nur in dieses Grün wollt?

Ich: Ähm, keine Ahnung. Kannst du mir bitte heute keine Fragen mehr stellen?

See: In Ordnung. Erzähl‘ weiter.

Die Straße

Ich: Also diese Kleingärten, dieses Grün, das ist eigentlich sehr schön und gemütlich. Wir sind da gerne. Also ich allein, aber auch meine Familie und ich zusammen. Alles schön. Wir bauen Gemüse an, wir spielen, wir lesen, arbeiten, wir haben sogar ein kleines Haus darauf, aber…

See: Ja, aber…

Ich: Da ist diese Straße.

See mit sehr zögerlichem, aber fragendem Unterton: Eine Straße…

Ich entnervt: Ja, eine Straße, da fahren wir Zweibeiner mit diesen vierrädrigen Kisten drauf herum, um von einem Ort zu einem anderen zu gelangen.

See: Warum… Oh, entschuldige. Ja, also diese Straßen…

Ich: Ja, unser Kleingarten, unser Grün, liegt an einer großen Straße und die ist fast direkt neben dran und zuerst dachte ich: ‚Ach, das passt schon, bin ich halt viel auf der anderen Seite des Gartens oder arbeite und lese mit Ohrstöpseln oder mach‘ einfach selbst Lärm mit den Kindern, aber…

Ich zögere, weiß selbst eigentlich nicht genau, wie und was ich sagen will. Niklot hat ja gut reden, dass der See mir gut tut, wenn ich außer mir bin, aber hat er auch einmal daran gedacht, dass der See so überhaupt nichts mit unserer menschlichen Zivilisation anfangen kann? Dass es unglaublich schwer ist, weltliche Alltagsprobleme dieser größeren Entität zu beschreiben?

Schwerin ist die schönste Stadt Deutschlands

Ich: … aber, aber… es nervt. Es ist einfach ständig laut. Selbst wenn ein paar Sekunden Ruhe ist, wartest du schon wieder auf das nächste Auto, was gleich kommen wird. Das fühlt sich so an, als wären die Dinger in meinem Garten. Weißt du, diese Kisten mit den vier Rädern, die machen Krach, die Brummen.

Unbeholfen mache ich ein Autogeräusch vor. Bei mir klingt es eher wie ein Trabbizweitakter als ein BMW 5er, aber ich glaube, es vermittelt einen Eindruck. Zumindest schweigt der See andächtig.

Ich: Und jetzt weiß ich nicht, ob’s nicht alles Murks war, was wir gemacht haben. Dass wir diesen Kleingarten gepachtet haben und dieses Haus darauf und… und… Verstehst du?

See: Ja, ich glaube, ich verstehe.

Ich: Jedenfalls sage ich doch immer ‚Schwerin ist die schönste Stadt Deutschlands‘.

See: Ja, wegen mir.

Ich: Genau, aber was nützt mir die schönste Stadt Deutschlands, wenn ich sie nicht sehe, also dich nicht sehe, die Ruhe von dir nicht kriege, deine Weite, den Horizont darüber?

See: Aber du bist doch jetzt hier.

Ich: Ja klar, ich rede ja mit dir.

See: Und du kannst doch immer hier her kommen. Ich meine, zu mir. Du bist nicht angekettet an dieses Grün.

Ich: Nein, natürlich nicht. Warum sagst du das?

Zwei Fragen

See: Weil… weil…

Der See zögert. Es hört sich komisch an. Passt irgendwie nicht zu ihm.

See: …weil… Darf ich jetzt wieder Fragen stellen? Also zwei?

Ich: In Ordnung. Aber keine Häuser-, Straßen- oder Autofragen, ja?

See: Abgemacht.

Stille. Ich schaue in die Weite, muss mich zwingen, nicht zu fragen, ob der See noch da ist. Komme mir schon so lächerlich genug vor.

See nach einer Weile: Seit wann hast du dieses Grün?

Ich: Den Kleingarten? Seit November letztes Jahr, glaube ich.

See: Und jetzt ist?

Ich: Ähm, Ende April. Aber jetzt geht’s ja erst los mit dem Grün, weißt du? Das Gärtnern, das Grillen, mit Freunden sein. Das alles beginnt doch jetzt… im Frühling.

See: Genau darauf will ich hinaus, kleiner Zweibeiner. Die Antwort ist: Zeit.

Ich: Zeit?

Die Antwort ist: Zeit

See: Ja, Zeit. Gib‘ dir und der Familie und den Freunden und dem Grün und von mir auch aus diesen Autos Zeit.

Ich: Zeit? Und nichts weiter? Das ist deine Antwort? Ich soll mir Zeit lassen?

See: Präzise.

Ich ernüchtert: Niklot schickt mich zu dir und alles was du sagst ist ‚Zeit‘?

See ein paar Wellen über das Ufer treten lassend: Ja, reicht dir das nicht?

Ich: Ähm, doch. Aber vielleicht hatte ich auf etwas einfacheres gehofft.

See: Ich finde Zeit etwas der einfachsten Dinge der Welt.

Ich verblüfft: Ehrlich?

See: Ja, ganz ehrlich.

Ich: Äh, dann Danke, denke ich.

See. Gern geschehen. Und sag‘ Niklot einen schönen Gruß.

Ich: Mach‘ ich. Bis bald.

See: Bis bald, kleiner Zweibeiner.

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