Niklot, der Virologe

Es ist lange her, dass ich meinen Rundgang um den Burgsee gemacht habe. Vorbei an Bertha, hinüber in den Burggarten, einmal um das Schloss herum, um den Schweriner See in seiner stillen Tiefe zu genießen, schließlich – am Ende der Runde um die kleine Insel – ein leises Winken an Niklot, dem Slawenfürsten, der über dem Portal des Schlosses thront.

Auf dem Rücken der Dampfrösser

Niklot unvermittelt: „Bist du zurück in meinem Slawenreich? Auf dem Rücken eines deiner Dampfrösser?

Ich schrecke kurz auf, nicke Niklot zu und setze mich auf einen meiner Lieblingsplätze auf dem Geländer der Schlossbrücke, schon ahnend, dass ich den Herrscher der Slawen über einige Geschehnisse in seinem Reich informieren muss.

Ich: Ja, so könnte man das wohl sagen. Der Winter war lang, viel zu tun, viele Reisen, viel Arbeit, du weißt schon, ein weites Feld.

Niklot mit drohender Stimme: Feldzüge? Bist du etwa der Schreiberling von diesem verfluchten Heinrich, dem Löwen geworden? Ein untreuer Vasall?

Ich: Nein Niklot. Jetzt beruhig‘ dich und hör‘ mir zu. Ich erklär’s dir. Aber das dauert ein paar Sätze. Es ist viel passiert. Wo fang ich an?

Das Virus

Wie wird er reagieren? Wie erklärt man einem Herrscher aus dem Mittelalter eine Pandemie?

Ich: Es geht da um eine Krankheit, die heißt Corona. Oder eigentlich ist es ein Virus und der heißt Covid-19, besser gesagt Sars-CoV-2. Nein, vergiss‘ das. Das ist unwichtig.

Also nochmal. Es heißt Corona und Leute werden davon krank. Vor allem Ältere und Angeschlagene und Menschen mit Vorerkrankungen können daran sterben, weil der Krankheitsverlauf so schnell und heftig sein kann.

Ich schiele zu Niklot hoch. Unbeeindruckt sitzt er ruhig im Sattel seines Pferdes und blickt zu mir herunter. Mehr, als würde ein Stammesberater ihn über eine besondere Lage informieren.

Ich: Diese Krankheit, das Coronavirus, beherrscht die Welt. Und damit meine ich die ganze Welt, nicht nur das, ähm, Slawenreich oder Europa, sondern auch Afrika, Amerika, Asien und Australien.

Um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und dafür zu sorgen, dass unsere Mediziner nicht entscheiden müssen, wen sie überhaupt noch behandeln können, haben die, äh und ich spähe vorsichtig nach oben, die Politiker viele Beschränkungen erlassen, was die Menschen dürfen und was nicht.

Der Lockdown

Ich fortfahrend: Deswegen waren alle Geschäfte lange geschlossen, die Theater sind bis heute dicht und deswegen siehst du auch keine größeren Gruppen und Versammlungen auf der Straße. Keine Feste, keine Feiern, keine Kundgebungen und keine Reisegruppen.

Ich schaue auf die einzelnen, als Pärchen oder in Zweiergruppe herumlaufenden Spazierenden.

Niklot: Eine Krankheit, die sich wie eine Seuche ausbreitet?

Ich: Ja.

Niklot: Menschen sterben, haben schnell hohes Fieber und Husten?

Ich: Ja.

Wieder einmal bin ich überrascht wie schnell, präzise und routiniert Niklot Fragen über eine komplizierte Situation stellen kann.

Niklot: Wie viele sind erkrankt in meinem Slawenreich?

Ich herumdrucksend: Ähm, keine Ahnung.

Niklot unnachgiebig: Wie viele? Das ist wichtig.

Ich ungeschickt mein Telefon befragend: Also in Mecklenburg-Vorpommern, ich meine, im Slawenreich, mein Fürst, sind es im Moment 44 von 100.000. Das sind also, ähm…

Niklot: Einer von ungefähr 2200 Untertanen.

Ich verblüfft: Ja, das stimmt.

Die Bestandsaufnahme

Niklot sich den Bart langsam streichend: Und die anderen Stämme, Fürstentümer und Königreiche sind auch betroffen?

Ich: Ja, die meisten sehr viel stärker. Bayern zum Beispiel…

Niklot fast mit Genugtuung: Aha, Heinrich der Löwe, der alte Buchgottfanatiker! Wie steht es in seinen Landen?

Niklot spielt hier auf seinen Wiedersacher, den Herzog von Bayern und Sachsen, Heinrich den Löwen, an, der zu seiner Zeit in mehreren Feldzügen gegen den Slawenherrscher gezogen ist.

Ich: In Bayern gibt es aktuell 330 Infizierte auf 100.000 Einwohner. Also Einer von circa 300 Menschen, ich meine, Untertanen.

Die Analyse

Niklot: Ich verstehe. Meinen Slawen geht es gut, aber die Lage ist dennoch durchaus ernst.

Niklot und ich versinken in Schweigen. Die gesamte Situation in unserem Land und auf der Welt macht mich in den letzten Wochen so und so sprachlos. Da verstehe ich gut, dass der Stammesfürst der Slawen keine weiteren Worte findet.

Doch plötzlich.

Niklot in sachlichem Ton: Es wird natürlich eine ganz andere Wucht sein, wenn die zweite Infektionswelle kommen wird.

Ich: Wie bitte?

Niklot: Die zweite Welle. Sie wird kommen.

Ich: Ah…ja?

Niklot: Ja. Man soll die Tore schließen.

Ich: Wie? Was? Welche Tore?

Niklots Empfehlungen

Niklot: Die Burgtore. Jeder Stamm muss für sich bleiben.

Ich: Du meinst, wir sollten nicht reisen? Niemanden herein oder heraus lassen?

Niklot: Ganz genau.

Ich: Aber wir sind eine freiheitsliebende Gesellschaft. Und mein Fürst, das geschieht schon längst. Aber wir können nicht einfach über Monate „zu Hause bleiben„.

Niklot: Ach, papperlapapp. Die Einheit von Natur und Mensch hängt doch nicht von den Meilen ab, die du mit deinen Dampfrössern reitest.

Ich: Hängt sie nicht? Na, hör‘ mal. Ich verdiene mein Geld damit, dass ich unterwegs bin, ich…

Niklot erbost: Schreiberling! Der schnöde Mammon lässt nicht die Ähre in den Himmel streben, es ist Daschbog, der Sonnengott. Er gibt die Güter. Eure Wirtschaft ist hier nicht von Interesse.

Niklot spricht das Wort Wirtschaft fast buchstabierend aus; als wäre es eine neue Mode, der man nicht über den Weg trauen dürfte.

Ich ungläubig: Daschbog?

Niklot grollend: Ja. Daschbog. Und wage dich nicht, zu behaupten, dass du ihn nicht kennst. Er wird dir zürnen.

Empfehlungen

Ich tief durchatmend: In Ordnung. Daschbog. Natürlich. Aber Niklot, mein Fürst, darf ich Fragen was du mit der Einheit von Mensch und Natur meinst? Und wie wir die in dieser Zeit erreichen sollen? Mit den geschlossenen Toren, meine ich.

Niklot: Bewegt euch, geht an die Luft; sät, erntet, tut euer Tagwerk. Und noch etwas.

Ich: Ja.

Niklot: Besorg der alten Vettel auch so’n Mundschutz. Nicht auszuhalten, wenn sie von der Seuche dahingerafft wird und du nicht mehr an ihrem Rockzipfel hängen könntest.

Ich: Der alten Ve… Du meinst, Bertha? Ich soll Bertha einen…

Niklot: Ja, einen Mundschutz besorgen. Tu‘, was dein Fürst dir sagt. Ich habe Augen im Kopf. Die Menschen fühlen sich sicherer damit. Und nun geh‘. Ich habe wichtige Staatsgeschäfte zu erledigen.

Mit diesen Worten steigt Niklot vom Pferd, wendet sich ab und entfernt sich in Richtung Schlossinnenhof.

Nachgedanken

Niklot, der sich um Bertha sorgt. Das hätte ich vor einem Jahr noch nicht für möglich gehalten.

Niklot, der eine Pandemie begreift. Das hätte ich bei seiner Führungserfahrung erahnen können, aber nicht vermutet.

Niklot, der Chefvirologe vom Slawenreich. Ich hoffe, weder das Robert-Kochinstitut noch die Virologie der Charité wird auf unseren vergangenen Fürsten aufmerksam. Sie könnten ihn zu ihrem neuen Vorsitzenden erklären wollen.

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Mitten in der Zeit der nachtfrostigen Eisheiligen in der meine Gurkensetzlinge leider erfroren sind, vermisse ich Berthas Rat für die Gartenarbeit. Oder ist sie zum Digital Native mutiert und interessiert sich nicht mehr für Garten und Natur? Und ganz wichtig: Ist sie wieder an ihrem Platz bei Vogel und Gießkanne, damit man sie fragen kann?
Freundliche Grüße
DiKey

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