Niklot und der Servercrash

Slawenfürst Niklot denkt, es ist der Beginn einer neuen Ära. Weit gefehlt, logschwer.de hat Probleme.

Es ist Montag Abend, ich sitze auf dem Geländer der Schlossbrücke und warte auf Freunde.

Eigentlich will ich gar nicht hier sein. Seit heute Nachmittag ist logschwer.de nicht erreichbar. Warum? Keine Ahnung. Ich habe den Tag über nichts besonderes an der Seite gemacht, ein paar Plugins installiert, keine große Sachen.

Plötzlich höre ich Niklot hinter mir.

Niklot: Schreiberling, gar keinen Laptop dabei heute?

Ich abweisend: Nein, mein Fürst.

Niklot: Wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden heute, wie?

Ich wende mich ihm widerwillig zu: Kann schon sein. Läuft gerade nicht so.

Läuft doch prächtig

Niklot: Läuft doch prächtig. Hast du gesehen, wie viele Menschen hier am Wochenende waren? Ganze Ströme; kamen alle, um mir zu huldigen.

Ich verschränke die Hände vor der Brust, übellaunig: Letzten Freitag, das waren die Abiturienten, Nik… mein Fürst. Und das war außerdem kein Huldigen, das war Grölen. Die haben gefeiert auf der Schwimmenden Wiese – nichts weiter. Und die vielen Leute am Samstag und am Sonntag, das waren Touristen. Die Vorsaison geht los. Ich dachte, das weißt du.

Niklot: Firlefanz. Es ist der Beginn einer neuen Ära.

Ich seufzend: Mein Fürst, ich… ach, vergiss‘ es.

Niklot: Stehst wohl heute etwas neben dir, wie? Ist der kleine Schreiberling noch beleidigt, weil sein Fürst zornig mit ihm war?

Ich schaue zweifelnd zu ihm hoch: Ni… uaaah, mein Fürst, ich… Verdammt, kann ich nicht einfach Niklot zu dir sagen?

Niklot beugt sich leicht aus seinem Sattel zu mir herunter, verschwörerisch: Von mir aus, weil ich dich mag, Schreiberling. Aber das bleibt unter uns. Die Untertanen dürfen nicht erfahren, dass ich mit einem von ihnen fraternisiere.

Die Maschine ist kaputt

Ich: In Ordnung, mein Fürst, ähm Niklot. Also, ich bin nicht beleidigt, weil du zornig mit mir warst. Aber… aber… Weißt du, es ist so, das mit dem Blog, mit dem Logbuch für Schwerin, das läuft gerade nicht so.

Der Server, also die Maschine… die ist… kaputt. So richtig kaputt, und ich versteh‘ nicht warum. Ich kann sie auch nicht reparieren. Ich meine, es liest ja sowieso keiner, aber die, die wenigen, die’s lesen, die können’s jetzt auch nicht mehr. Wegen der Maschine… Und… und…

Zu meiner Überraschung merke ich, dass ich anfange zu schluchzen. Wie’n Fünfjähriger. Mann, ist mir das peinlich. Gut, dass hier sonst niemand rumläuft.

Niklot sachlich: Dafür, dass du gut mit Worten umgehen willst, lieferst du hier nicht gerade stichhaltige Erläuterungen. Also zusammengefasst: Dein Gerät ist kaputt und du hast dich von dir selbst entfremdet, richtig?

Ich schniefe und wische bedeutend zu viel Feuchtigkeit aus meinem Gesicht: Was?

Niklot: Entfremdet, entfernt, du bist außer dir. Sag‘ mal, red‘ ich alt-slawisch?

Ich muss erst das Wort ausprobieren: Ent-frem-det.

Niklot fortfahrend: Ja, ganz genau, entfremdet. Ich dachte, du seist naiv, jung und wankelmütig (siehe ‚Kindereien‘). Aber mit dieser Einschätzung war ich viel zu gnädig: Du bist ungebildet, unreif, charakterschwach und phlegmatisch.

Ich trotzig: Wer hat denn seine eigenen Burgen niedergebrannt als der Sachsenkönig gegen ihn zog? Das nenne ich charakterschwach.

Niklot ungerührt: Ja, das habe ich und ich habe es bitter bereut. Und ja, in dieser Zeit war ich außer mir, hatte ich mich meiner selbst entfremdet. Aber, mit Verlaub, Schreiberling, es ging um ganze Stämme, ganze Landstriche, worum geht es dir?

Um einen kleinen Apparat, der nicht das tut, was du willst. Um wie viele Leute, die deine heiligen Worte nicht lesen können? Zehn, Zwanzig?

Ich trete unwillig nach einem Bierdeckel auf der Straße, kleinlaut: Eher hundert. Ja, du hast Recht.

Psychologe Niklot

Leider ist es das zweite Mal, dass ich diesen Satz so zu Niklot sagen muss. Wird Niklot noch mein Lehrmeister für meine unfertige Persönlichkeit? Mein Psychologe? Ha ha und Nein Danke.

Ich nehme mir vor, mir in Zukunft vor Niklot nicht mehr die Blöße zu geben. Keine Tränen, keine Wutausbrüche. Nur Konversation.

Ich betont lässig: Ich weiß ja selbst nicht, wie’s dazu kommt. Nicht das mit dem Apparat, dass der nicht geht. Das meine ich nicht.

Aber das mit dem Entfremden. Erst nehme ich mir etwas vor. Ich habe einen Plan, setze mir ein Ziel, habe eine Aufgabe; will zum Beispiel einen Artikel schreiben und dann ist da was anderes, was spannendes und das muss ich auch noch machen und dann gibt es noch was wichtigeres und noch was wichtigeres und…

Niklot: Schreiberling, erspar‘ mir die Details. Ich weiß, wie so was läuft. Machen wir es kurz: Du hältst nicht inne.

Ich: …nicht inne…

Niklot: Genau. Du stimmst mit mir überein, dass du außer dir bist?

Ich: Ja, entfremdet, so wie du gesagt hast.

Niklot: Du kannst nur außer dir sein, wenn du dich aus dir herausziehen lässt. Ein Medium, ein Bild, selbst andere Menschen – wobei das bei dir, glaube ich, nicht das Problem ist.

Ich: Und durch dieses Bild oder Medium, dadurch entfremde ich mich, richtig?

Niklot seufzend und leicht süffisant: Ich hätte nicht gedacht, dass du so schnell begreifen würdest.

Stift und Papier

Ich: Dann muss ich mich von den Medien fernhalten. Den Artikel offline schreiben, also mit Stift und Papier und…

Niklot: Das kannst du tun, aber das hilft dir nicht gegen das außer dir sein.

Ich: Ich geb’s auf, erklär’s mir, mein Fürst.

Niklot lächelt milde: Jedes Medium kann dich ablenken, dich entfremden. Du musst es zunächst als Kanal benutzen und danach wieder inne halten, um dir selbst zu begegnen.

Ich: Mir selbst begegnen?

Niklot: Genau. Und wo du dir am besten selbst begegnest, dass musst du selbst herausfinden. Aber so wie ich dich bisher kennengelernt habe, könnten Papier und Stift schon eine ganz gute Methode sein. Der See ebenfalls, wenngleich mir dieses Machtgefälle zwischen mir und ihm nicht ganz gefällt. Dennoch, er ist ein guter Gesprächspartner, um dir selbst nahe zu sein.

Ich: Mein Fürst, ich meine, Niklot, ist es schlimm, wenn ich es nicht ganz verstehe, aber glaube, dass es wichtig und richtig ist?

Niklot hebt die Augenbrauen: Demut? Schreiberling, du überraschst mich. Gleich zwei neue erfreuliche Eigenschaften in einem Gespräch?

Ich: Zwei?

Niklot: Demut und Einsicht. Steht dir gut, Schreiberling.

Ich: Danke, denke ich.

Die Freunde holen mich ab. Habe an dem Abend noch viel über Einsicht, Außer sich sein, Medium, Medien und Inne halten gefaselt und wie ich das alles besser machen will. Meine Freunde haben’s sicher nicht verstanden. Ich auch nicht. Muss wieder in die Bibliothek.

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