Niklots Regierungsrat

Bei #menschMV ist ein Clip über den Autor erschienen. Doch Niklot ist mit der Coronapandemie beschäftigt.

Zurück

Ich bin zurück in Schwerin und hochmotiviert. Das öffentliche Leben findet mehr oder weniger wieder statt und im Zug der Aktion ‚Menschen in MV‘ ist ein kleines Video über mich und den Blog gedreht worden.

Ich will Niklot davon erzählen und befinde mich auf meiner üblichen Schlossgartenrunde. Aber schon von Weitem sehe ich: Unser Slawenkönig ist verhüllt. Für die Touristen wurde eine Bauplane bedruckt mit der Vorderfront des Schlosses und Niklots Reiterstandbild vor das Gerüst gehängt. Im November sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein.

Das ist schön und gut. Aber wie soll ich mit meinem Fürsten reden? Zaghaft rufe ich nach oben. Zunächst keine Antwort. Nur das leichte Hämmern hinter dem Gerüst ist zu hören. Dann lukt Niklots Kopf seitlich am Balkon hinter der Bauplane hervor: ‚Pssst, Schreiberling. Wieder in Schwerin? Komm‘ heute Abend, wenn es dämmert vorbei. Gerade ist es ungünstig.‘

Und verschwunden ist er.

Der Tag verstreicht nur langsam. Hohe Temperaturen, drückende Sommerhitze.

Als die Sonne endlich hinter der Stadt verschwindet und das leichte Abendrot Schloss und See in ein friedvolles Licht taucht, gehe ich erneut zum Schlossportal und rufe vorsichtig nach oben.

Eine Weile tut sich nichts, doch schließlich ist wieder Niklots Kopf mit den schulterlangen dunklen Haaren zu sehen: ‚Hier, Schreiberling. Du musst hochkommen.‘

Der Aufstieg

Ich bin perplex und ängstlich. Die Sicherheitsmänner haben hier Tag und Nacht Schicht. Das ist Einbruch oder zumindest aber Verbotenes Betreten einer Baustelle. ‚Egal‘ denke ich und gehe seitlich um das Portal um eine Stelle zu finden, an der ich gut auf das Gerüst komme.

Unsicher klettere ich die ersten Metallstufen nach oben. Bei jedem Schlagen der Plane im leicht lauen Abendwind zucke ich zusammen, halte inne, horche. Nein, nichts. Dann klettere ich weiter. Der erste Stock. Meine Schuhe machen ein verräterisches Geräusch auf dem Baugerüst. Schleichen auf Metall ist wohl eher was für Leute wie James Bond.

Der zweite Stock. Mein Blick schweift nach oben. Das sind mindestens noch sechs oder sieben von diesen Gerüsttreppen.

‚Hey, ist da wer?‘ Eine Stimme von unten. Ich erstarre. Der große Lichtkegel einer Taschenlampe beleuchtet die Fassade des Schlosses und streift über die Verblendung des Baugerüsts. Was beim jährlichen Son et Lumiere-Spektaktel so beeindrucktend ist, treibt mir nun den Schweiß aus allen Poren. Durch den Spalt der Bauplane sehe ich einen Nachtwächter unten vor’m Eingangsportal stehen. Mein Atem bleibt stehen. Ich sehe mich schon auf der Polizeiwache in der Schlossstraße sitzen.

‚Ich bin’s nur. Wir haben Besprechung‘ ruft da Niklots Stimme von oben herunter.

‚Ach so. In Ordnung‘, entgegnet der Sicherheitsbeamte, knippst die Taschenlampe aus und geht wieder in seine Kabine bei der Pforte.

Zögernd mache ich mit meinem Aufstieg weiter. Kennt das Sicherheitspersonal hier Niklot? Bisher dachte ich immer, ich sei der einzige, der echten Kontakt zum Oberhaupt der Slawen hat.

Gemurmel

Stockwerk vier und fünf.

Nun höre ich Gemurmel von oben. Stimmen, in ein Gespräch verwoben.

Plötzlich eine Stimme hinter mir ‚Stehen bleiben und Arme nach oben. Jetzt!‘

Ich reiße meine Arme in die Höhe. Die Stimme ist weiblich, aber rauh mit einem ausländisch klingenden Akzent, der mich an irgendetwas erinnert.

‚Umdrehen‘, bellt es hinter mir. Ich tue wie geheißen und sehe im Dämmerlicht den Schatten einer Frau, die den Bogen im Anschlag und auf mich gerichtet vor mir steht.

‚Du bist Schreiberling?‘ fragt sie mit ihrer kehligen Stimme.

Ich schaue sie mit großen Augen und offenem Mund an. Sicher sehe ich gerade aus wie Florian Silbereisen, dem bei seiner Schlagersendung plötzlich ein Einsatzkommando der GSG 9 über die Bühne läuft.

Die Frau hebt kurz das Kinn und wiederholt ungeduldiger ‚Du bist Schreiberling?‘

Ich: ‚Ja, ich bin der Schreiberling. Ich will zu…‘

‚Mitkommen‘, bellt sie. ‚Du gehst voraus.‘ Ihren Bogen nimmt sie nun leicht nach unten. Von Entspannung kann bei mir trotzdem keine Rede sein. Ich bin eher kurz davor mir in die Hose zu pinkeln. Dennoch steige ich brav die weiteren Leitersprossen hinauf.

Das Schlossportal

Der siebte Stock. Das erste Mal in meinem Leben stehe ich direkt vor dem steinernen Geländer unmittelbar vor dem Reiterstandbild. Aber vom Pferd sehe ich keine Spur. Dafür steht ein großer grob gezimmerter Eichenholztisch dort. Drum herum fünf – mir fällt kein anderes Wort ein – Krieger, die auf Schemeln sitzen und in eine lebhafte Diskussion verstrickt sind. Sie reden slawisch. Zumindest stelle ich mir vor, dass es slawisch ist. Die Sprache klingt mir entfernt nach russisch, aber mit einem Einschlag von Ungarisch. Irgendwie so.

Jetzt fällt mir auch ein, an was mich der Akzent der Frau erinnert hat. An Niklot, wenn er mit mir spricht. Nur mit viel stärkerer Einfärbung. Die Bogenschützin legt ihren Bogen ab, nickt den anderen vier Männern und einer Frau zu und setzt sich zu ihnen an den Tisch.

Perplex starre ich in die Runde.

‚Na, überrascht?‘ Niklot lehnt lässig am linken Portalrand. Sonst in einen schweren Umhang gehüllt, wenn er auf seinem Pferd thront, ist er nun nur mit einer dunklen Stoffhose gekleidet. Sein bloßer Oberkörper ist leicht gebräunt und muskulös. Mit ineinander verschränkten Armen schaut er zu mir herüber.

Ich: Ähm, ja, einigermaßen.

Der Regierungsrat

Niklot: Das sind meine Stammesoberhäupter. Mit Zora hast du ja bereits Bekanntschaft gemacht.

Er weist auf die KriegerInnen am Tisch.

Ich: Und ihr macht hier was?

Niklot: Regierungsgeschäfte, du verstehst.

Ich: Ah.

Niklot: Du dachtest doch nicht, dass ich tatenlos hier sitze und meine Untertanen im Stich lasse in dieser Zeit der Krise. Es braucht Sicherheit. Alle schauen auf unser Land.

Ich resigniert: Sicherheit. Ja, sicher.

Niklot: Und du?

Ich: Was ich?

Niklot: Was machst du hier? Du wolltest doch mit mir reden?

Ich: Ach so. Das. Ja, ich wollte dir ein Video zeigen. Von mir. Was sie von mir gedreht haben. Ich meine, weil du doch immer nicht magst, wenn ich zu viele Worte mache, also schreibe. Und das Video ist ja sozusagen Sprache. Als würde ich mit den Menschen reden.

Niklot schaut mich gutmütig lächelnd an. Er scheint in einer jovialen Stimmung zu sein.

Niklot: Dann zeig‘ her.

Das Video

Ich zücke zögernd mein Handy und gehe auf ihn zu. Die paar Meter von der rechten zur linken Portalseite scheinen mir wie eine unüberwindbare Distanz. Niklots Stammesoberhäupter verstummen nun in ihrem Gespräch und taxieren mich mit interessiertem Blicken.

Bei Niklot angekommen merke ich erst, wie groß der Slawenfürst eigentlich ist. Sicher 1,90 m, denke ich kurz bevor ich auf den Playbutton tippe.

Das zweiminütige Video spielt ab. Meine eigenen gesprochenen Worte von dem Clip klingen hohl an den steinernen Wänden des Portals wieder. Die anderen sechs scheinen dem Klang meiner Stimme zu lauschen.

Als ich von der Schublade spreche, in die ich nicht sofort gesteckt werden möchte, muss Niklot auflachen. Auch bei dem Begriff ‚Schwerinchronik‘ ziehen sich seine Mundwinkel merklich nach oben.

Meine letzte Worte im Video ‚Das fixt mich halt an, das mag ich.‘ verklingen in der Akustik des Schlossportals.

Schweigen.

Ich vorsichtig: Und, wie findest du’s?

Niklot blickt zu den KriegerInnen am Tisch. Zora wendet sich mir zu. Ihre Augen schauen mich reserviert, aber nicht unhöflich an.

Zora: Du begegnest neuen Menschen.

Ich: Ähm, ja.

Der Mann neben ihr: Ideenschmiede, Füllhorn.

Ich: Ja, genau. Das sage ich.

Die Frau, die neben Zora sitzt, deutet auf mich. Sie ist älter, vielleicht sechzig, hat aber starke sehnige Arme.

Frau: Du weitermachen. Gute Arbeit. Wir… danken dir.

Ich: Oh. Dann… danke.

Niklot: Du entschuldigst uns. Wir müssen weitermachen. Die Pandemie. Die zweite Welle. Neue Regelungen. Du verstehst.

Ich: Ja, natürlich. Dann macht es gut.

Niklot wendet sich schon wieder seinen Stammesoberhäuptern zu und registriert mich nicht. Entspannt setzt er sich an den Kopf des großen Tisches. Das Gespräch geht weiter. So als wäre ich gar nicht da gewesen.

Epilog

Ich mache mich auf den Rückweg. Mit jedem Stockwerk nach unten kommt mir die Szenerie unwirklicher vor. Aber ja, Niklot ist unser Slawenkönig. Natürlich hat er Dinge zu regeln. Was sonst?

Und was zählt da schon das unbedeutende kurze Video von einem Wahlmecklenburger? Als ich nach einigen Minuten zu Hause ankomme, fühle ich mich wie die unbedeutenste Ameise im Getriebe des Universums.

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