Saisonauftakt

Das letzte Märzwochenende. Schwerin startet in die Vorsaison.

Die Marstallhalbinsel, der große Baum – einer meiner Lieblingsplätze zum lesen und schreiben und mit Freunden sein.

Ich sitze allein an den Stamm gelehnt und spüre die Sonne auf der Haut, denke ‚die Saison geht wieder los‘. Erste Motor- und Segelboote wagen sich auf den See hinaus. Touristengrüppchen umrunden den Burggarten gegenüber.

See: Hallo, kleiner Zweibeiner.

Ich: Hallo See.

See: Wie läuft es sich auf dem Weg?

Ich: Auf dem Weg?

50-100 Klicks

See: Ja, du hast gesagt ‚Es ist ein Weg‘. Dass du mit dem Schwerinlogbuch einen Weg gehen musst und mit Niklot und dieser Bertha und den Followern. Wie läuft es sich auf dem Weg?

Ich: Ähm, also, wir haben schon, ähm, Follower. So 50-100 Klicks pro Tag. Das heißt, 50-100 Mal schaut jemand auf das Schwerinlogbuch, um sich dort was anzuschauen.

See: Das ist gut. Und was machen die dann da, auf dem Blog?

Ich: Na lesen, nehme ich an. Hoffe ich. Genau kann ich dir’s nicht sagen, bin nicht bei google analytics. Also, ich meine, wir tracken die Leute nicht. Ach Mann, wie erklär‘ ich dir das?

Ich setze neu an.

Also, wenn die Leute auf der Seite sind, auf dem Weblog, dann beobachte ich sie nicht dabei. Nicht personalisiert, ich weiß nur, dass sie und dass jemand auf der Seite ist, nicht wer, nicht wie lange, nicht das genaue Surfverhalten, wo er herkommt, wo er hingeht… Aber ich kann dir sagen, welche Aritkel am meisten geklickt und dann wohl auch gelesen werden.

See: Lesen. Lesen?

Ich verzweifle innerlich. Habe ich das jetzt alles erklärt und der See versteht nicht, was lesen ist? Einmal kommt mir der See vor, wie ein Gott, im nächsten Moment wie ein kleiner dreijähriger Junge.

Ich etwas entnervt: Ja, lesen.

See: Was…

Ich: …und frag‘ jetzt bitte nicht ‚Was ist lesen?‘.

See schweigt.

Die weiße Flotte ist wieder da

Es vergehen sechs Sekunden. Die Zeit, die ich gewöhnlich aushalte, ohne in einem Gespräch – von der drückenden Leere berührt – irgendetwas zu sagen.

Ich irgendetwas sagend: Die weiße Flotte fährt wieder.

See: Ja.

Ich: Stört dich das eigentlich? Ich meine, der Diesel und so, die Abgase, der Geruch, der Lärm?

See: Nö, alles schwingt sich ein in die allwährende Sphärenharmonie.

Ich: Aha.

Hans Jochim Schmidt

Gerade fährt die ‚Lübz‘ der weißen Flotte vorbei. Aus den Lautsprechern klingt ‚wäre Schwerin damals nicht Landeshauptstadt geworden, so hätte das Schloss…‘

See: Das stört.

Ich. Was?

See: Der Sprecher. Die Stimme. Unecht, verstärkt, plärrig. Seit zwanzig Jahren der gleiche Text. Grauenvoll. Marter.

Ich: Du meinst, die Stimme, die den Rundfahrtgästen von Schwerin und vom Schloss und von dir erzählt? Das ist Hans Jochim Schmidt, der macht das doch ganz nett. Hat er damals sogar ohne Gage eingesprochen, weil ihm die alten Texte nicht mehr aktuell genug waren.

See: Ich weiß nicht wer Herr Schmidt ist, aber die Stimme kommt von keinem von euch Zweibeinern. Die ist unecht.

Ich: Ja, die ist aufgenommen. Kommt vom Band.

See: Erbärmlich.

Ich: Ich könnte den Betreibern von der weißen Flotte schreiben, sie darum bitten, einen echten Sprecher an Bord zu holen. Aber ich glaube nicht, dass sie mir glauben, wenn ich sage, der See hat darum gebeten.

See: Ist schon in Ordnung. Ich bin ziemlich resilient, weißt du?

Ich leicht erbost: See, du weißt was resilient ist, aber was lesen ist soll ich dir erklären?

See: Hast du ja gar nicht, kleiner Zweibeiner.

Ich: Stimmt.

Wir Schweigen wieder. Nach fünf Sekunden

See: Was ist lesen?

Ich lache: Lesen heißt die Tätigkeit… wenn man aus vielen kleinen Strichen, Linien und Punkten einen Sinn erkennt – also entziffert, also erliest, oder so. Ziemlich wichtig für unsere Zivilisation, frag‘ mal Niklot.

Rangordnung

See: Und welchen Artikel haben die Follower am meisten gelesen?

Ich verblüfft, dass der See den Faden wieder aufnehmen kann, wo ich schon ganz woanders bin: Ähm, h2O, glaube ich. Das ist der Artikel…

See: …über mich. Ist gut.

Ich: Ja, wo du…

See zufrieden: Ja, wo ich wütend wurde, ich weiß. Ist gut.

Woher weiß der See, dass ich den Aritkel damals h20 genannt habe? Ich… frage besser nicht.

Ich: Du bist jetzt nicht so gut gelaunt, weil du mehr Leser als Niklot hast, oder?

See gespielt empört: Ich? Nein, ich messe mich nicht mit euch Zweibeinern, ob nun kleine oder große.

Ich hebe eine Augenbraue: Dann ist ja gut.

See: Ja, ist gut. Bis bald, kleiner Zweibeiner.

Ich: Bis bald, See.

[Gesamt:1    Durchschnitt: 4/5]

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