Schutz für Bertha

Die Worte von Niklot klingen mir noch im Ohr. ‚Besorg‘ der alten Vettel einen Mundschutz!‘ – Mit alter Vettel meint der Slawenfürst Bertha Klingberg, unsere stadtbekannte Blumenfrau. Auch wenn ich weiß, dass Bertha außer sich sein wird, wenn sie erfährt, dass Niklot sie als ‚Vettel‘ bezeichnet, rührt mich doch seine plötzliche Fürsorge um die heimliche Großmutter der Herzen unserer Schwerinchronik.

Maskenkauf

Ich mache mich also auf und besorge in der Innestadt einen Mund-Nasen-Schutz. Die Auswahl ist groß, aber klar, für Bertha kommt nur etwas Geblühmtes in Frage. Intuitiv greife ich nach einer Maske, die mit rosanen Gerbera bestickt ist. Ein schickes Modell. Das wird ihr sicher gefallen. Auf die etwas peinliche Frage hin, ob die Verkäuferin die Maske auch einpacken könne, nickt diese mir nur zu, packt den Mund-Nasen-Schutz geflissentlich ein und überreicht mir das Präsent.

Schon von Weitem sehe ich, Bertha sitzt wie gewohnt an ihrem angestammten Platz. Es ist ein lauer Nachmittag, immer wieder scheint die Sonne durch die schnell ziehenden Wolkenfelder.

Demo

Etwas weiter in Richtung Schwimmender Wiese sehe und höre ich Demonstranten, die sich für eine Aufhebung der Coronaregeln aussprechen. Mehrere Hundert Menschen haben sich versammelt. Bertha scheint die Ansammlung ungerührt aus der Ferne zu betrachten.

Ich: Hey, Bertha, wir haben uns lange nicht gesehen.

Bertha: Hmpf.

Ich gehe ein paar Schritte näher, bleibe aber in vorbildlichem Sicherheitsabstand seitlich vor ihr stehen.

Ein ungewohnter Empfang

Ich: Bist du böse? Du bist nicht böse, oder? Ich weiß, ich war lange weg, aber…

Bertha: Vettel hat er gesagt!

Ich: Oh. Du weißt es schon.

Bertha: Natürlich weiß ich es. Hast es ja brühwarm auf das Blog, deine blöde Schwerinchronik, gesetzt. Kann ja jeder lesen. Schämen solltest du dich.

Ich: Aber Bertha, du weißt, ich habe Niklot den Treueschwur geleistet. Ich muss schon ehrlich wiedergeben, was er…

Bertha: Einen feuchten Kehricht musst du. Seit achthundert Jahren kräht kein Hahn mehr nach dem Slawenfürst Niklot; musst du nicht damit anfangen.

Und mit einem erneuten ‚Hmpf‘ dreht sich Bertha empört von mir ab. Zögernd ziehe ich mein Geschenk aus meiner Jackentasche und lege es vor die Gießkanne, die neben Bertha steht.

Das Geschenk

Ich: Hier, für dich.

Bertha: Kannste behalten. Hab‘ mir schon in den ersten Wochen selbst eine genäht.

Ich: Ach so. Trägst sie aber nicht, was?

Bertha: Pah, die tun gerade mal, als würden wir noch zu Zeiten der Spanischen Grippe leben.

Ich: Da würden manche aber anders reden. Schließlich gehörst du zur Risikogruppe.

Bertha: Ach was. Zum einen schützen die Masken eher andere als dich selbst und außerdem: Wenn hier einer bereit für den Absprung ist, dann ich, mein Junge. So alt wie ich wird doch keine Kuh…

Ich denke mir, dass es anscheinend ein großer Unterschied ist, ob Niklot Bertha beleidigt oder ob sie ironisch über sich selbst redet.

Bertha: …und außerdem besteht die Messlatte für das Leben nicht nur aus einem einzigen Faktor.

Ich: Also hälst du es eher mit Wolfgang Schäuble und seinem Kommentar, dass nicht alles für den Schutz von Leben zurückzutreten habe?

Bertha packt aus

Die Blumenfrau nestelt an ihrem Rock herum und schaut mit zu Schlitzen verengten Augen prüfend zu mir hoch.

Bertha: Ja, das hat er gut auf den Punkt gebracht. Aber im Kern geht es um viel mehr: Der gesellschaftliche Vertrag eines unbekümmerten Lebens.

Ich wundere mich über die Art von Berthas Formulierung, die so klingt als hätte sie diese Worte nicht zum ersten Mal gedacht oder gesagt.

Ich: Aber das ist doch gerade das Ziel. Dass die Gemeinschaft solidarisch ist, damit wir gemeinsam durch die Krise gehen können.

Bertha aufbrausend: Sag‘ mal, hörst du dir eigentlich manchmal selbst zu? Du klingst wie jeder zweite Inschtakramkommentar von vor einem Monat.

Ich: Inschta…? Ah, du meinst Instagram. Ja, höre ich mich so an?

Bertha: Genau so.

Was steht auf dem Spiel?

Ich: Und du meinst, die Gemeinschaft und das unbekümmerte Leben steht auf dem Spiel?

Bertha: So ist es.

Ich etwas ungeduldig werdend: Ach, Bertha, jetzt lass‘ dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. Sag‘ einfach, was du denkst.

Bertha schaut zu den Demonstrierenden. Applaus, Bravorufe schallen zu uns herüber. Sie wendet ihren Blick und schaut mich wieder skeptisch an. Irre ich mich oder schmunzelt die Blumenfrau? Die tiefen Falten um ihren Mund ziehen sich dicht zusammen.

Berthas geheime Statistik

Bertha: Weißt du, mein Junge, wie viele Personen letztes Jahr um diese Zeit kurz neben mir saßen und mir Gesellschaft geleistet haben? Ich meine, abgesehen von dir?

Ich: Keine Ahnung, vielleicht 20 pro Woche?

Bertha trocken: 50. Aber danke, dass du anscheinend überhaupt nicht an meine Beliebtheit bei den Menschen glaubst.

Ich will widersprechen, aber Bertha unterbricht mich und wedelt meinen angefangenen Kommentar ungeduldig mit ihrer Hand zur Seite.

Bertha: Und was denkst du, wie viel sind es jetzt?

Abstand

Ich: Vielleicht zehn? Die Schweriner halten doch sicher Abstand zu dir, oder?

Bertha lacht ihr keckerndes Lachen: Von wegen, Jungchen. 80! 80 sind es. Kannst du dir das vorstellen? Achtzig Menschen, die hier neben mir sitzen. Jede Woche.

Ich: Und was machen die so? Ich meine erzählen sie was?

Bertha: Nicht alle. Nein. Viele leisten mir einfach Gesellschaft oder ich ihnen, je nach dem wie man es sieht. Aber die, die reden… da wird dir schon ganz anders.

Ich: Ach ja?

Die sehen die Blumen gar nicht

Bertha: Ja, die haben Angst. Da ist kein Vertrauen. Die sehen die Blumen gar nicht mehr. Wo doch Frühling ist. Genauso wie im letzten Jahr. Wie im jeden Jahr.

Ich: Und wegen diesen 80 Menschen glaubst du, dass es um viel mehr geht als…

Bertha: …um das nackte Leben, ganz genau. Natürlich, viele reden über Angehörige. Ängste, Ängste vor der Krankheit, Ängste vor der Zukunft, aber der Kern ist ein anderer. Bei jedem! Bei jedem!

Eine Predigt von Bertha

Die Blumenfrau hebt warnend ihren knochigen Zeigefinger in die Luft.

Bertha: Die Illusion der gewissen berechenbaren Zukunft! Darum geht es. Aufwachsen, Ausbildung, Beruf, Ehe, Kinder, Gemütlichkeit, Sterben. Eine einfache Biographie, viel mehr wollen wir doch alle nicht. Also kommen sie zu mir und reden. Über ihr Aufwachsen, ihre Ausbildung, ihren Beruf, ihre Ehe, ihre Kinder, ihre Gemütlichkeit.

Ich ungläubig: Ihr Sterben?

Bertha: Ja, auch darüber.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass Menschen, Junge, Alte mit Bertha über all diese Dinge sprechen. Aber ja, wer bin ich, dass ich ihr Wort anzweifeln sollte. Wer, wenn nicht Bertha, kennt die Schweriner?

Ich: Und deswegen hälst du die Regeln, den Lockdown für übertrieben?

Bertha: Ja, vor allem deswegen. Die Illusion der berechenbaren Zukunft wurde vielen Schwerinern genommen.

Ich: Aber ohne Lockdown doch auch, Bertha. Stell‘ dir vor, Bilder wie von Italien hätte es aus deutschen Krankenhäusern gegeben? Und die zweite Welle? Selbst Niklot hat gesagt…

Wir sind hier in Mecklenburg

Bertha: Pah! Wie viele Menschen sterben im Autoverkehr? Wie viele Menschen sterben, weil sie einsam sind? Und von mir aus auch: Wie viele Menschen sterben an der jährlichen Grippewelle? Und noch eins: Wir sind hier in Mecklenburg, nicht in Heinsberg und auch nicht in der Lombardei!

Ich schweige. Nie hätte ich gedacht, dass Bertha solch harte Worte findet. Die Ansprachen der Redner von der Demonstration wehen zu uns herüber. Es sind andere Worte, aber in der Konsequenz mit ähnlichen Schlussfolgerungen.

Betreten blicke ich auf den Boden.

Das Päckchen

Ich: Und machst du jetzt dein Päckchen auf?

Bertha äugt misstrauisch auf das kleine Paket, nimmt es in die Hände und öffnet es. Vorsichtig streicht sie über die gestickten Gerbera. Ein zufriedenes Lächeln umspielt ihren Mund.

Bertha: Ist schön. Hast du gut ausgesucht. Danke.

Abschied

Wir schweigen eine Weile. Im Nachhinein komme ich mir blöd vor, dass ich Niklots Weisung gefolgt bin. Hätte ich lieber ein paar schöne Blumen für ihr Beet mitgebracht.

Ich: Und letzten Sommer? Da warst du wohl… ähm… unterwegs?

Bertha schaut zu mir hoch: Da reden wir mal wannanders drüber, Jungchen, ja?

Ich nicke nur und verabschiede mich von der Blumenfrau. Es ist merkwürdig, aber obwohl doch ich das blöde Mitbringsel dabei hatte, habe ich das Gefühl, dass Betha gerade mich beschenkt hat und nicht ich sie. Mit ihren Gedanken, ja, aber vor allem mit ihrer Klarheit und Eindeutigkeit.

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2 Kommentare

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Liebe Bertha, ich bin froh, dass du wieder da bist. Niklots Bezeichnung für dich – ich will sie hier nicht wiederholen – halte ich für anmaßend und unverschämt. Auch Fürsten fällt es offensichtlich schwer, sich an die étiquette zu halten. Vielleicht sollte er sich mit einmal mit Adolph Freiherr Knigge diesbezüglich kurzschließen. Aber zu dem, warum ich dir überhaupt schreibe: Du hast Recht, dass der Lockdown für die Schweriner übertrieben war wegen der niedrigen Ansteckungszahlen in Mecklenburg-Vorpommern. Aber die Politiker befanden sich auf Neuland bezüglich SARS-CoV-2 und waren auf die Angaben und den Rat der Infektiologen angewiesen. Ein Trost ist doch, dass es wieder aufwärts geht und der Lockdown gelockert wird. Das alles, gebe ich zu, ist ein weites Feld. So würde es jedenfalls Fontane beschreiben. Wenn ich wieder in Schwerin weile, komme ich zu dir, und wieder fachsimpeln über Schwerin und die Pandemie. Mehr noch würde ich mich aber über Gärten und Blumen unterhalten, wenn du so viel Zeit hast. Bis bald! DiKey

Hallo DiKey,

ich werde deinen Beitrag an Bertha weiterleiten. Obwohl – wahrscheinlich liest sie es schon selbst – bevor ich sie wieder besuche.
Danke auf jeden Fall für deine guten Gedanken zu dem Beitrag.

Gruß, Roland

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