Son et Lumiere

Der Autor neigt zur Betrachtung trister Bilder. Die Schweriner Blumenfrau mag’s lieber bunt und kräftig.

Es ist Samstag. Ich war in der Alten Galerie im Museum. Hatte gar nicht viel Zeit, aber plötzlich sprang mir ein Bild ins Auge. Das Bild heißt ‚Alte Frau in der Küche‘ und ist von Willem Kalf, gemalt irgendwann im 17. Jahrhundert (im Internet finde ich leider nur eine Radierung, die gerade bei ebay verkauft wird, dennoch hier der Link zur Veranschaulichung). Auf dem Bild sitzt eine Frau auf einem Stuhl in gebeugter Haltung, den Kopf schwer auf ihre rechte Hand gestützt. Um sie herum Küchengegenstände, Töpfe, leere Schüsseln, dahinter ein offener Kamin.

Nach meinem Museumsbesuch schlendere ich am Handwerkermarkt zu Bertha. Wir begrüßen uns und ich zeige Bertha das Bild auf meinem Telefon.

Ich: Bertha, schau‘ mal. Habe ich gerade im Museum gesehen.

Das Bild

Bertha grunzt unwillig: Hm, was willst du mir damit sagen? – Jungchen, ich bin alt, aber so alt bin ich nicht.

Ich: Ich meine ja auch nicht, das Bild an sich und auch nicht die Kücheneinrichtung, sondern die Haltung der Frau.

Bertha: Was für eine Haltung? Sie sitzt halt vor’m Herd.

Ich: Ja, aber sie hat auch was niedergeschlagenes, findest du nicht.

Bertha: Jungchen, wenn du einen Tag in der Küche gestanden hast, Bohnen geschnitten, Wasser gekocht, Geschirr gespült, Braten gespickt und Besteck poliert, dann bist du nicht niedergeschlagen, dann bist du müde. Nichts weiter. Andere Gedanken kann man sich da gar nicht leisten.

Ich: Verstehe.

Son et Lumiere

Bertha: Kommst du heute Abend zu ‚Son et lumiere‚? Ist mit Licht und Musik.

Ich: Ja, gerne. Wetter soll ja besser werden.

Bertha: Ach, das wird schon. Irgendwie muss ja immer.

Feine Regentropfen sprenkeln die Wasseroberfläche vom Burgsee. Bertha greift mit gewohntem Griff eine ihrer Strähnen und steckt sie unter ihre Haube zurück.

Bertha unvermittelt: Im Museum war ich nie so oft. Gehst du da mehr hin?

Ich: Schon, zumindest so ab und an. Ich mag die Räume, die Ruhe, die Atmosphäre, dass Menschen sich mit einem Thema so intensiv auseinandersetzen. Man spürt oft die Seele des Kurators und seines Teams in so einer Ausstellung.

Bertha mit skeptischem Blick: So? Zum Beispiel?

Ausstellungen

Ich: Im Schleswig-Holstein-Haus is‘ noch bis Ende Juni die Ausstellung ‚Geflüchtet, vertrieben, entwurzelt – Kindheiten in Mecklenburg von 1945-1952‚ zu sehen.

Bertha: Ach je, richtig, das waren arme Würmchen damals. Oft völlig verstört.

Ich: Dann vielleicht lieber was in Wismar? Im Phantechnikum gibt es ab dem 19. Juni ‚Leonardo da Vincis Maschinen‚. Da zeigen sie die Entwürfe und Modelle von Da Vincis…

Bertha: Hat der Da Vintschi nicht die Mona Lisa gemalt? Warum dann auch noch Apparate erfinden?

Ich: Das war damals so, Bertha. Bis in Goethes Zeiten waren Künstler und Wissenschaftler oft in mehreren Disziplinen aktiv. Die Bereiche waren noch nicht so geteilt und zersplittert. Du hast doch auch deine Blumen gesät, gepflegt und eben auch auf dem Markt verkauft.

Kräftig und Bunt

Bertha: Trotzdem, Schuster bleib‘ bei deinen Leisten. Gibt’s nicht was mit Bildern? Schön kräftig und bunt?

Ich: Na ja, dann doch wieder das Staatliche Museum mit ‚Von Barbizon bis ans Meer‚. Da stehen die Gemälde von Carl Malchin im Mittelpunkt. Der hat ganz viele Mecklenburgische Landschaften und Stimmungen eingefangen. Geht aber erst am 5. Juli los.

Bertha: Dann vielleicht doch erst einmal das Lichterfest am Alten Garten heute Abend.

Ich: Ja, vielleicht.

Zum Abschied

Ich neige mich leicht nach Vorne und will aufstehen. Plötzlich spüre ich Berthas Hand auf meinem linken Oberschenkel.

Bertha: Und keine Sorgen, Jungchen. Wo Dunkel ist, gibt es auch immer ein Licht.

Ich: Wie meinst du das jetzt?

Bertha: Wegen dem Bild, ich meine, die Frau in der Küche.

Ich: Ja?

Bertha: Na, ohne Dunkel kein Licht, ohne Tal, keine Berge, du weißt schon.

Ich: Beziehst du das jetzt auf mich?

Bertha: So ist es.

Ich: Dann… ähm, danke, denke ich.

Bertha: Gern geschehen und bis heute Abend.

Ich: In Ordnung, bis heute Abend.

Beim Weggehen wundere ich mich. Ich habe doch Bertha mit keinem Wort gesagt, dass es mir die letzten Tage nicht so gut ging. Nur das Bild gezeigt. Ja, das Bild. Wahrscheinlich sagt das gerade mehr über mich aus als jedes Gespräch.

[Gesamt:5    Durchschnitt: 4.2/5]

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Bertha hat recht. Nach Bohnen schnippeln, kochen, putzen und waschen, im Garten geharkt, abends Strümpfe gestopft und Wäsche abgehängt und gebügelt: Am Abend ist man da müde! Und doch reicht es manchmal noch für ein paar Zeilen in einem Buch, die Hoffnung wachsen und nach der Nacht den nächsten Tag in einem neuen und anderen Licht erscheinen lassen.

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