Worte

Niklot, der Slawenfürst: Die Schrift ist das eigentliche Schwert, mit dem ihr mein Volk am Ende besiegt habt.

Neulich am Schloss. Ich sitze mit dem Laptop an der Siegessäule am Alten Garten.

Niklot: Was machst du da?

Ich: Ich schreibe.

Niklot: Schreiben? Du meinst diese Zeichen von eurem Buchgott?

Buchgott nannten die Slawen den christlichen Gott. Wegen der Bibel.

Ich: Ja, so könnte man das nennen, diese Zeichen.

Niklot: Die Schrift war das eigentliche Schwert, mit dem ihr mein Volk am Ende besiegt habt. Das habe ich erst spät begriffen.

Ich: Also hältst du nichts von Schrift?

Niklot: Ja, ich halte nichts von Schrift.

Ich: Aber ohne das geschriebene Wort kein Wissen, oder?

Niklot: Unser Wissen wurde von Generation zu Generation übertragen – ohne Schrift. Wir verstanden und ehrten die Natur, besser als eure Zivilisation jemals mit der Schöpfung umgegangen ist. Trotz eures Buchgotts.

Das Schwerin-Logbuch

Niklots Stimme wird zorniger. Ich kenne das schon. Er redet sich gerne in Rage. Ich versuche ihn zu beschwichtigen.

Ich: Ich schreibe nichts vom Buchgott. Höchstens du nennst den See einen Gott, aber vom Christentum verstehe ich nicht viel mehr als du. Ich schreibe für ein Blog, so eine Art Logbuch, eine Chronik hätte das vielleicht bei euch geheißen. Logschwer heißt es.

Niklot lässt die Worte in seinem Mund zergehen: Log..schwer? Also noch mehr Worte?

Ich: Nicht viele, nur ein paar.

Niklot: Warum?

Ich: Ich denke unter anderem auch, um den Menschen von dir zu erzählen und von den Slawen und von eurem Wissen.

Niklot: Und warum brauchst du dafür dieses Blog?

Ich: Ich glaube, weil ich so mehr Menschen erreichen kann.

Reden

Niklot: Warum redest du nicht mit ihnen? Laufen doch genug hier rum, seit ihr diese Stadt gegründet habt.

Ich: Wenn ich das hier schreibe, können das Hunderte lesen. Reden kann ich immer nur mit Einzelnen.

Niklot: Und du glaubst, du erreichst so die Menschen? Du bist ein lächerlicher kleiner Schreiberling.

Ich: Aber…

Niklot: Rede mit ihnen.

Ich: Aber…

Niklot: Ich bin dein Fürst. Das ist mein letztes Wort in der Sache.

Die Frau

Danach Schweigen. Ich klappe den Laptop zu und beschließe jemanden auf der Straße anzusprechen.

Es läuft eine Frau um die Vierzig an mir vorbei. Keine Ahnung, ob sie Schwerinerin ist. Ich probier’s.

Ich: Ist ihnen schon mal aufgefallen, dass das einer der Orte in Schwerin ist, in dem man 180 Grad vom Horizont sieht.

Sie leicht irritiert: Nein.

Ich: Das gibt’s nicht so oft in so großen Städten. Wegen der Häuserreihen und so. Hier in Schwerin hat man das ständig. Wegen der Seen…

Sie: Kann sein. Interessiert mich nicht so.

Sie läuft weiter.

Ich mehr für mich als für die Frau: Und Schwerin ist die schönste Stadt Deutschlands!

Ich schiele hoch zu Niklot und höre leises Lachen.

Ich: Na vielen Dank, mein Fürst. Vielleicht schreibe ich doch weiter für das Blog anstatt mit den Menschen zu reden.

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Dieser Blog ist eine wirklich wundervolle Entdeckung und wird mich sicher bei meinem nächsten Besuch in der schönsten Stadt Deutschlands begleiten. Herzlichste Grüße aus dem Süden.

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